Fertig
Etwas fertig zu machen ist ein schönes Gefühl. Gerade habe ich tagelang an einem Sinuswellen-Generator gearbeitet, der am Computer Pieptöne jeder Frequenz erzeugen können sollte. Das Java-API, das ich dafür benutzt habe, ist wirklich grauenhaft schlecht dokumentiert, und weder stackoverflow noch Gemini (Google künstliche Intelligenz) konnten mich dabei ausreichend unterstützen. Jetzt hab ich diesen Generator einigermaßen zum Laufen gebracht und bin richtig erleichtert - fertig!
Aber was ist schon wirklich fertig? Da liegt der Eisendraht herum, aus dem ich einen Mundharmonikahalter bauen möchte, nicht fertig, da sind meine vielen anderen Pläne, alle nicht fertig. Ich dokumentiere soeben den Nicht-Fertig Zustand und hoffe, ich werde damit fertig, bevor ich den nächsten Fehler in diesem verdammten Sinuswellen-Generator entdecke. Abgesehen davon muss ich den auch noch dokumentieren und veröffentlichen, also von fertig keine Rede.
"Ich mache mich fertig zum Sterben" sang 1940 ein schwarzer amerikanischer Musiker namens Bukka White: "Fixin' to Die". Damit war vielleicht in zweideutiger Weise die Alkohol- oder Heroinsucht gemeint, die "Fixerei". Bob Dylan und einige andere haben sich auch dieses Liedes angenommen und es auf ihre Weise verändert, das berühmte "Give me an F" Woodstock-Lied von Country Joe McDonald hat diese Worte im Titel. Kein sehr optimistisches Bild des Wortes "fertig". Dazu fällt mir noch die Redensart "Ich bin heute so fertig" oder "Du machst mich richtig fertig" ein. Alles sehr depressiv und pessimistisch. Wo man doch eigentlich optimistisch sein sollte, wenn man sich fertig macht, zum Beispiel zum Ausgehen oder zum Lauftraining.
"Sich fertig zu machen" ist also offensichtlich eine zweideutige Angelegenheit, man kann darunter verstehen was man will. "Etwas fertig zu machen" ebenso, denn was ist schon jemals vollständig fertig. Nach über 30 Jahren Software-Entwicklung kann ich das nur bestätigen, weder der Entwickler noch die entwickelte Software ist jemals fertig. Was macht dieses Wort also für einen Sinn?
Immerhin kann ich sagen, dass mein Zustand als "Werktätiger" seit heuer fertig ist. Die Gesellschaft lässt mir nun Gelegenheit, mich fertig für den Friedhof zu machen. Es wird erwartet, dass ich eine Sterbeversicherung kaufe, um einerseits das Versicherungsunwesen zu unterstützen und andererseits meinen Verwandten nicht die (wirklich unglaublichen) Kosten für ein österreichisches Begräbnis zuzumuten. Mache ich mich also nun fertig zum Sterben? "Niemand kommt hier lebend raus", "No One Here Gets Out Alive" (Jim Morrison). Ich sehe schon, dieses Blog ist ein einziges sentimentales Sechziger-Jahre Gejammer. Ich mache das nun fertig. Aber mich selbst noch lange nicht:-)
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