Idealisten

Die Rolle der Religion hat in der modernen Welt der Idealismus übernommen. Diese Rolle dient dazu, eine große Menge von Menschen auf bestimmte Regeln einzuschwören, mit denen man eine Zivilisation gründen und sich gegen andere Zivilisationen wehren kann. Wie zerstörerisch Idealismus sein kann sollen folgende Beispiele zeigen. Ich spreche hier nicht von der Theorie des Idealismus, sondern von Menschen, die man idealistisch nennen könnte (von denen ich auch einmal einer war).

Alfred Spuhler

Das war in den 40 Jahren der beiden getrennten Deutschlands (1949 bis 1989) ein westdeutscher Geheimdienstler (Bundesnachrichtendienst BND) und Doppelspion, geboren 1940 in München, der dem Geheimdienst der DDR 18 Jahr lang (1971-1989) Informationen lieferte und dadurch über 300 seiner westdeutschen Kollegen an Russland verriet. Die DDR war ja (ebenso wie Belarus noch heute) ein Marionetten-Staat Russlands, in dem Selbständigkeitsbestreben gewaltsam niedergeschlagen wurden, siehe Juni-Revolution 1953.

Wenn man sich die WDR-Dokumentation aus dem Jahr 1997 auf YouTube ansieht (und die halte ich für authentisch, nicht von KI generiert), dann hört man die beiden Spuhler-Brüder von idealistischen Motiven für ihren Hochverrat sprechen. Sie hätten durch die Belieferung der DDR mit Informationen eine militärische Auseinandersetzung zwischen West und Ost verhindern wollen, so ihre Begründung. Natürlich kann man das als Ausrede verstehen, das liegt nahe, aber sie wurden für ihre Doppelagententätigkeit von der DDR kaum bezahlt, wo sonst sollte also das Motiv liegen als im Idealismus? Schließlich ist es ja die Aufgabe eines Geheimdienstlers, den Staat vor Bedrohungen zu schützen. Alfred Spuhler erhielt dafür 10 Jahre Gefängnis, war danach Wachdienstmann und und starb 2021 in Freiheit.

Kurioses Detail:
Durch Spuhlers Spionagetätigkeit erfuhr der DDR-Geheimdienst 1973 von dem von den USA geplanten Putsch gegen Salvador Allende in Chile noch vor dem westdeutschen Kanzler Willy Brandt. Zwar wurde der westdeutsche Geheimdienst (BND) vom amerikanischen CIA darüber unterrichtet, was den sofortigen Verrat an die DDR durch Spuhler ermöglichte, aber der BND gab die Information nicht an den Kanzler weiter. So viel zu den Machtansprüchen von Geheimdiensten, die Monster wie Wladimir Putin hervorbringen.

Dean Reed

Das war ein gutaussehender, singender und Gitarre spielender Frauenliebling der Sixties, geboren 1938 in Denver / Colorado / USA. Es gibt auf YouTube eine Dokumentation über ihn. In der Filmzentrale Hollywood hatte er nur mässigen Erfolg und fühlte sich dort nicht wohl, er bezeichnete es später als "prostitution camp". Einer seiner songs wurde aber in Südamerika sehr populär, 1961 war er mit weitem Vorsprung vor Elvis Presley und Paul Anka die Nummer-Eins auf der Hitparade einer chilenischen Rundfunkzeitschrift, was ihm die Bezeichnung "Roter Elvis" einbrachte. Folglich startete er eine Tournee nach Chile und wurde begeistert empfangen. Sein Leben verlagerte sich dorthin, und er wurde mit "linken Ideen" und dortigen Persönlichkeiten vertraut, wie etwa Pablo Neruda, Victor Jara und dem Argentinier Che Guevara. Das war der Sozialismus oder Marxismus oder wie immer man diese Utopie nennen will, von der die Generation der 1960-er Jahre vollkommen durchdrungen war, und an die sich auch deutsche RAF-Verbrecher wie Andreas Baader anhängten.

Dean Reed geriet in die politischen Wirren Südamerikas und wurde überall des Landes verwiesen, hielt sich dann in Europa auf und landete letztendlich 1972 in dritter Ehe in den Armen einer ebenfalls gutaussehenden ostdeutschen Schauspielerin namens Renate Blume in der DDR, gab dort und in Russland Konzerte und schrieb deutsche Schlager. Dem Versuch des DDR-Geheimdienstes ("Stasi"), ihn als Spitzel zu gebrauchen, widersetzte er sich über ein persönliches Gespräch mit deren Führer Erich Honecker. Die systematischen Menschenrechtsverletzungen Russlands bezeichnete er als "ein paar Fehler und Ungerechtigkeiten". Bei einer Verkehrskontrolle verglich er allerdings die DDR dann mit einem faschistischen Staat. Das alles zeigt ganz gut die Kluft zwischen Idealismus und Wirklichkeit.

Er endete 1986 mit aufgeschnittenen Pulsadern (das war damals der Selbstmord der Mode) in einem Gewässer in Ost-Berlin. Die Aussagen seiner DDR-Ehefrau (Blume) umreissen ganz gut die Beweggründe: "Ich bin nie dahinter gekommen was dieser Amerikaner hier in Deutschland will", und "Ich dachte, er will mit Politik seine Karriere machen". Das nannte man "Seelische Grausamkeit" und war der populärste Scheidungsgrund.

Ich nenne Dean Reed einen Idealisten, weil er naiv den Leuten gefolgt war, die ihn willkommen geheißen haben. Er glaubte wirklich an die Ideen des Marxismus / Sozialismus, er glaubte wirklich an die Liebe, an die Musik und an all die anderen Ideale, die die Jugend damals hatte. Offensichtlich ist er aber im Vakuum des Idealismus erstickt.

Fazit

Ideale zu haben ist nichts Falsches, sich mit anderen darüber zu verbünden auch nicht, die Jugend braucht diese Entwicklungsstufe. Aber man muss fähig sein den historischen Wert der dahinter stehenden Idee zu erkennen, sonst erweist sich diese möglicherweise als zerplatzende Seifenblase. Im Falle des Marxismus ist völlig klar, dass die Aberkennung von Eigentum nicht realistisch ist. Die "Diktatur des Proletariats" ist wie jede Diktatur ein sicherer Fehlschlag. Nicht einmal das Proletariat selbst würde sich von der autoritären Dummheit des Proletariats regieren lassen. Und dann auch noch zentralistische Planwirtschaft, autoritär mit militärischer Gewalt kontrolliert, jede individuelle Motivation unterdrückend.

Womit ich nicht sagen will, dass die Schriften von Marx zu ihrer Zeit nicht berechtigt gewesen wären. Aber man muss das anders machen, mehr Demokratie, weniger Monarchie. Die Technik für direkte Demokratie hätten wir, fehlt nur noch die gesellschaftliche Überwindung dazu.

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