Zivilisation

Der Begriff "Zivilisation" wird in so vielen Zusammenhängen verwendet und von so vielen Gruppen missbraucht, dass man mit dem Recherchieren gar nicht fertig wird. Grund zu vorliegendem Beschreibungsversuch gaben mir die viele Kriegstreiber der letzten Jahre, die alle den Begriff für ihre Gruppe (Rasse, Nation, Religion) beanspruchen und alle anderen als "Steinzeitmenschen" bezeichnen.

Im Folgenden eine Zusammenfassung der Begriffsbeschreibung auf Wikipedia und ein paar Meinungen darüber.

Der Begriff

Zivilisation ist (laut Wikipedia) ...

  1. Lateinisch civis = römischer Bürger, Städter
  2. Eine Steigerung von Kultur (Jäger, Sammler), wobei Kultur als Umbildung von Natur verstanden wird. (Das verwandte Wort Hochkultur wird von der Geschichtswissenschaft für vergangene Zivilisationen verwendet.)
  3. Wenn die Lebensbedingungen durch technisch-wissenschaftlichen Fortschritt, Politik und Wirtschaft geschaffen werden.
  4. Bildung eines Staates mit Regierung und Steuern, es gibt Arbeitsteilung, Geldwirtschaft, Städtebau und Architektur, eine gemeinsame Sprache und oft auch eine eigene Schrift.
  5. Ideologie mit Fortschrittsglaube, Glaube an die eigene Überlegenheit, Wille zur Ausbreitung.
  6. "Zivilisation zentralisiert Macht und weitet somit die Kontrolle weniger Menschen über die große Mehrheit sowie die Natur aus."
    Das sollte jenen zu denken geben, die ständig über den "unzivilisierten Iran" schimpfen. Dort fehlt nicht Zivilisation, sondern Demokratie.

Die Wikipedia-Definition von "Zivilisation" schließt Gewaltmonopol und Gewaltenteilung nicht ein, daher auch nicht Demokratie und Rechtsstaat. Europäische Monarchien, Theokratien wie der Iran, Autokratien wie die USA und Diktaturen bzw. Oligarchien wie Russland gelten daher auch als Zivilisationen.

Den Begriff stark geprägt hat auch das Buch "Über den Prozess der Zivilisation" des Soziologen Norbert Elias. Er beschreibt "Zivilisierung" als einen Wandel der menschlichen Persönlichkeitsstruktur, den er auf einen Wandel der Sozialstruktur zurückführt, der wiederum auf technische Fortschritt und ständigen zwischenmenschlichen Konkurrenzkampf zurückzuführen sei. "Der französische König Ludwig XIV eröffnete den Adeligen an seinem Hofe Karrieren, wo sie von Faustrecht auf höfische Intrigen umgeschult wurden und aus Raufbolden mit Schwertern Hofleute mit Galanteriedegen wurden." Die Gewaltbereitschaft sank, die vielen Privatarmeen der Adels wurden ersetzt durch das von Steuern finanzierte Berufsheer des Königs. Auch weist Elias auf die wachsende Anzahl von zu befolgenden Gesetzen und Regeln hin, die die Freiheit des Einzelnen immer mehr einschränkten.

Folgender Satz stammt, man glaubt es kaum, vom deutschen Schriftsteller Thomas Mann, aus dem Buch "Betrachtungen eines Unpolitischen" (1915 bis 1918, Erster Weltkrieg): „Deutschtum, das ist Kultur, Seele, Freiheit, Kunst, und nicht Zivilisation, Gesellschaft, Stimmrecht, Literatur.“ Kann man das als Aufbegehren der "Kultur" gegen die "Zivilisation" werten? Ich denke der Satz spiegelt die Auflehnung der Freiheit gegen Zivilisation wider, und den Willen der Zivilisation zur Ausbreitung.

Zivilisation zielt also auf ...

  • ein globales Gewaltmonopol ( Feudalismus -> Kolonialismus -> Globalismus) und daher auch auf globale Gesetze und Regeln
  • Einschränkung der Freiheit ("Verhöflichung", regelbasiertes Verhalten)
  • Regierung einer kleinen gewaltausübenden Elite über den gesamten Planeten Erde
  • globale autoritäre Erziehung, um den generationenübergreifenden Erhalt von universalisierten Werten zu ermöglichen

Klingt wie eine Dystopie von George Orwell. Vielleicht hatte dieser mehr Durchblick als wir annehmen?

Meinungen

  • "Zivilisierte Menschen verteidigen sich statt mit Gewalt mit Worten."
    Entspricht leider nicht der Wirklichkeit des Jahres 2026 in den USA. Das Recht auf Waffenbesitz ist dort in der Verfassung festgeschrieben. Im Alltag gilt also das Faust(waffen)recht, die Folgen sind regelmässige Schulmassaker, auch Einkaufszentren und Diskotheken sind betroffen.
    Die strengsten Waffengesetze hat Japan. Die wissen was sie tun.
  • "In einer Zivilisation wirken die Menschen miteinander, nicht gegeneinander."
    Sport statt Bürgerkrieg. Öffentliche Gebäude statt Privatresidenzen. Entspricht leider nicht der Wirklichkeit des Jahres 2026. Des russischen Diktator Putins Privatresidenz ist militärisch besser geschützt als die Hauptstadt Moskau. Der in den USA regierende "King" Trump finanziert seinen neuen Prunk-Ballsaal von Steuergeldern. Und diese beiden Nationen, zusammen mit dem Straflagerproduzenten China, wetteifern um die zivilisatorische Weltherrschaft!
    Um den Kampf gegeneinander durch ein Zusammenwirken aller zu ersetzen brauchen wir ein stärkeres Konzept als Zivilisation. Und dann müssen wir dieses Zusammenwirken noch in eine nachhaltige umweltfreundliche Bahn lenken.
  • "Zivilisierte Menschen rauchen nicht (Tabak) und trinken nicht (Alkohol)."
    Entspricht leider nicht der Wirklichkeit des Jahres 2026. Alkohol und Nikotin sind noch immer tolerierte Suchtmittel, während andere harmlosere Drogen mit Gefängnisstrafen belegt werden. Trinkfest zu sein gilt gesellschaftlich immer noch als Zeichen von "Stärke", und Nichtraucher haben noch nie "dazugehört". Insbesondere die Jugend strömt zu Nikotinbeuteln und Alkopops, die ihnen selbst und dem Gesundheitswesen eine leidensschwere Zukunft bereiten und die Kassen der Giftproduzenten füllen.
    Drogen zu verbieten hat nie funktioniert, aber mit hohen Steuern kann man sie belegen.

Fazit

Um den individuellen Kampf gegeneinander durch ein Zusammenwirken aller zu ersetzen wird meist Krieg gegen das Nachbarvolk ausgerufen. Vereint marschiert man dann gegen die Zivilisationsverweigerer. So sichern sich alt gewordene Diktatoren die Macht im eigenen Staate und entgehen der Rache der jahrelang grausam unterdrückten Opposition.

Zivilisation bedeutet nicht Gewaltverzicht gegen die Natur. Demokratie übrigens auch nicht, keineswegs. Abholzung von sauerstoffspendenden Wäldern, Gewinnung von Gold durch Vergiftung von Flüssen mit Quecksilber, Durchwühlen der Erde auf der Suche nach Bodenschätzen, alle diese Massnahmen zum Fortschritt der Technik und Wirtschaft vernichten unsere Umwelt, die aber die Lebensgrundlage der gesamten Menschheit ist. Die Vergiftung von Meerestieren durch geplatzte Ölbohrlöcher, leckschlagende Öltanker, versenkte Weltkriegsmunition in Nord- und Ostsee, Atommüll an der amerikanischen und britischen Atlantikküste, Plastikmüll in den Ozeanen, das alles ist kein Weg in die Zukunft. Zivilisation ist also gewissermaßen auch eine friedliche Selbstvernichtung. Wie alleingelassene Kleinkinder verwüsten wir unsere Wohnung.

Die Mächtigen dieser Welt sind mit den Medien zusammengewachsen und denken nur noch an Erhalt und Erweiterung ihrer Macht, nicht mehr an ihre gesellschaftliche Verantwortung. Die Medien titulieren jeden Nachfolgepolitiker als "Herausforderer" oder als "Gewinner", so als wäre das alles eine Sportveranstaltung. Die schaffen keine Erneuerung. Ich denke Soziologie, Politik- und Geschichtswissenschaften werden neue Konzepte liefern müssen, und das wird in Europa oder China geschehen. Unsere gesellschaftliche Zukunft liegt jedenfalls jenseits von Zivilisation und Demokratie.

Comments

Popular posts from this blog

Wandern Notfallmeldung

Meine Software-Entwicklung

Politik