Suche und Sucht
Laut meinem etymologischen Wörterbuch von Kluge aus dem Jahr 2002 haben die beiden Wörter nichts miteinander zu tun. "Sucht" leitet sich von "siech" ab, das mit dem Wort "Seuche" verwandt ist und soviel wie "krank" bedeutet. Die Herkunft von "Suchen" ist unklar, es gibt ein ähnliches Wort in vielen Sprachen inklusive Althochdeutsch ("suohhen"). Es wird am ehesten der Bedeutung von spüren, wittern, erstreben, erfahren und wissen wollen zugeordnet. Im Englischen sind die beiden Wörter vollkommen verschieden: "Suche" = "search", "Sucht" = "addiction".
Spielsucht, Drogensucht, Fernsehsucht, Magersucht, Mieselsucht, ein breites Suchtspektrum hält die moderne Zivilisation besonders für die dafür anfällige Jugend bereit. Ich habe versucht herauszufinden, warum die USA die Alkoholprohibition 1933 nach 13 Jahren wieder aufgehoben haben. Gründe waren ein massiver Anstieg von Verbrechen und Korruption rund um Schwarzmärkte, Methanol-vergifteten Alkohol und Verluste an Steuereinnahmen für den Staat. Im Klartext heisst das, die Menschen wollen sich selbst schaden und der Staat (als Gemeinschaft der Menschen) kann nichts dagegegen tun, weil sonst regellose Gewaltherrschaft entsteht. (Modernes Vorbild des Alkoholverkaufs sind die skandinavischen Länder, wo er hoch besteuert und nur in Spezialgeschäften erhältlich ist.)
Die Ähnlichkeit von Worten ist oft fatal. Eigentlich handelt es sich um einen Fehler der deutschen Sprache, man sollte statt dem Wort "Sucht" immer "Addiktion" verwenden. Auch wenn Süchtige immer auf der Suche nach ihren Drogen sind, ist Suche an sich nichts schlechtes. Es ist eine vitale Lebensäußerung aller Wesen dieses Planeten, alles Lebendige sucht immerzu nach Wasser, nach Nahrung, nach Zufriedenheit, nach Neuem. Die Suche nach Glück gehört allerdings in den Bereich des (süchtig machenden) Glücksspieles, denn Glück bedeutet Vorteil gegenüber anderen. Spiel und Sucht sind stark miteinander verbunden.
Geld und Macht zeigen übrigens exakt dieselben Symptome wie Sucht. Ich gebe hier das Blog einer Wissenschaftlerin mit dem Titel "Die Sucht nach Macht und Geld" verkürzt wieder:
Sucht:
- Die Droge verschafft "Glücksgefühle" (Dopamin)
- Der Drogenabhängige isoliert sich immer mehr von anderen Menschen
- Die Droge verliert mit der Zeit ihre Wirkung und muss mengenmäßig gesteigert werden
- Fortgesetzter Konsum führt zu körperlichen Schäden
- Bei Entzug der Droge setzt körperliches Leiden ein
Macht und Geld:
- Eine Führungskraft zu sein verschafft "Glücksgefühle" (Dopamin)
- Sie funktionalisiert ihren Kontakt mit anderen Menschen und verliert die Empathie zu ihnen (Hybris-Syndrom, Dunning-Kruger-Effekt)
- Sie strebt nach immer mehr Macht und Geld (in Führungskreisen gelten Betrug, Korruption und sogar Gewalt zur Erreichung dessen als legitim)
- Das Streben nach Macht und Geld geht auf Kosten aller Menschen im Umfeld
- Verlust von Geld und Macht wird "sozialer Abstieg" genannt und führt meist zu Depressionen und sozialer Ausgrenzung
Während Drogensucht gesellschaftlich geächtet ist und rechtlich bestraft wird,
wird Geld- und Machtgewinn mit Anerkennung, Ehrungen und oft sogar finanziellen Förderungen belohnt.
Absurdistan ist überall.
Allerdings wird nicht jede Drogensucht bestraft: Alkohol, Nikotin und Zucker
sind (unser blindes Auge, die Notlüge) erlaubte Tröster für ereignisloses Leben,
für das Gefühl nicht respektiert zu sein, Außenseiter zu sein.
Hierbei stellt sich die Frage, ob ein ereignisloses Leben nicht vielleicht Einbildung ist,
was Respekt von einer Gesellschaft bedeutet, die Macht und Geld nicht als Droge erkennt,
und ob es nicht besser ist Außenseiter in einer solchen Gesellschaft zu sein.
Die Sucht nach Macht und Geld ist die gefährlichste Sucht von allen. Krieg, Terror, Ausbeutung von Mensch und Umwelt sind die Folge, der Süchtige zieht Massen von Unschuldigen mit ins Verderben. Trump, Putin, Netanyahu und Erdogan zeigen uns derzeit, was passiert, wenn Geld und Macht nicht breit verteilt sind. Wofür Demokratie eigentlich sorgen sollte. Mit der Frage, wie die Menschen dieses Planeten, denen schon so viel Macht gegeben wurde, zusammenleben können, sollten wir uns beschäftigen, denn sonst wird uns diese Macht vernichten. Gehen wir auf die Suche ohne Sucht.
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