Meine Generation
Manchmal denke ich, die Welt wird hinter mir zusammenbrechen, wenn ich mir die Menschen anhöre, die in meinem Alter über 60 sind und sich für klug und weise halten. Die alle Welt belehren wollen, die niemals zuhören sondern immer nur reden und reden, Redensarten die sie gehört haben und die geeignet waren ihre Lebensrezepte zu bestätigen, die sie sich schon in ihrer Jugend angeeignet haben und die aufzugeben für sie unvorstellbar ist. Kann eine Gesellschaft mit einem so hohen Anteil an Ignoranten auf Dauer überleben? Aber wahrscheinlich bin es nur ich, der zusammenbrechen wird, enttäuscht von so vielen falschen Vorstellungen. Aber was ist richtig und falsch, was ist gut und was böse, was ist Toleranz und was Arroganz. Vielleicht fliesst ohnehin alles in den richtigen Bahnen im Magnetfeld all dieser Gegensätze.
Was war das für eine Generation, in der ich aufgewachsen bin? Träumer und Fantasten, die den Frieden gefeiert haben, oder Geschäftemacher und Karrieristen, die das Vakuum der Nachkriegszeit ausgenutzt haben, oder beides und alles dazwischen? Ich bin 14 Jahre nach Ende des 2. Weltkrieges geboren und habe noch ein wenig davon mitgekriegt, wie man eine zusammengebrochene Welt wieder ganz neu aufbaut. Wie lange es dauert Alkoholismus, Gewalttätigkeit, Armut und Kriminalität so weit einzugrenzen, dass die Menschen wieder jenes bürgerlich genannte Leben leben können, das sie vor ihrem zwei Weltkriege dauernden Übermenschenrausch hier in Europa hatten.
Das war die 60er Jahre Generation, zu der ich mich nie zugehörig gefühlt habe, und von der ich dennoch ein Teil war. Die 70er Jahre, als uns die Popmusik aus England und Amerika so mitgerissen hat wie der Jazz und Rock'n Roll wahrscheinlich unsere Eltern mitgerissen hat. Die Beatles, the Who, the Kinks, CCR, Bob Dylan, Simon and Garfunkel, "Satisfaction" von den Rolling Stones. Dazu neue Frisuren und flower-power Bücher mit gesellschaftskritischen Inhalten, die eine bessere Welt forderten. Eine Jugend, die es leichter haben wollte als ihre Eltern, die mit Kriegstraumata zu tun hatten und das, unvermeidlich, auch an ihre Kinder weitergegeben haben. Menschen, die im Wirtshaus saßen und davon redeten, wie schwer sie es hatten und haben werden, die Mieselsüchtigen bei der Alkoholvernichtung. Der Kult des unterdrückten Arbeiters, auf den alle Ungerechtigkeit der Welt geladen wurde, das war ein ganz übler aber leider dominanter Teil dieser Generation, der direkt dem Krieg entstammte. Klassendenken und Widerstand gegen das sogenannte "Establishment", das ja eigentlich nur damit beschäftigt war, die Nachwirkungen der Kriege zu beseitigen. Wie lange wird es dauern bis die Menschen verstehen werden, dass die "Arbeiterklasse" auch nur eine um Macht und Privilegien kämpfende Gruppe ist, die kein bisschen besser als Adel und Kirche ist?
Die negativen Kulte haben sich alle erhalten, und wieder scheinen sich unter dem Einfluß meiner Generation gesellschaftliche Zustände und Vorgänge entwickelt zu haben, die keine Zukunft haben. Die kollektiven Weltkriege haben sich in individuelle Existenzkämpfe verwandelt, aber statt dass letztere immer leichter wurden und schließlich ganz verschwanden hat sich ein bösartiger Wettstreit entwickelt, der eine korrupte und selbstgerechte Oligarchie hervorgebracht hat. Zusammenarbeit ist selten, gegenseitige Vernichtungsversuche sind die Regel. Sie machen einfach alles ihren Eltern nach. Das reicht nicht, man muss dazulernen, und dieses Lernen darf nie aufhören. Es gibt keine Ausgelernten. Alles verändert sich ständig.
Noch sind wir eine offene Gesellschaft, die sich überall hin wenden kann. So sollte es bleiben. Aber verdrehte Köpfe, die meinen, die Welt reparieren zu müssen, werden wieder ihren Blutzoll fordern. Identität, Heimat und Freiheit steht auf ihren Fahnen, und ihr Schritt ist ebenso gewalttätig wie der der Nationalsozialisten. Auf der anderen Seite stehen genauso verdrehte Köpfe, die noch immer darüber nachdenken, was sie tun würden, wenn ein Soldat das Gewehr auf sie richten würde. Dazwischen rollt die Korruption und Arroganz der Mitte, die fleissig Waffen in alle Welt verkauft und so Wohlstand in ihren eigenen Ländern schafft. Doch dort, wo die Waffen hin verkauft werden, entstehen menschenverachtende Diktaturen, die zur Bedrohung für den Weltfrieden werden.
Europa, du hast noch viel zu lernen, deine Vorbilder aus der Nachkriegszeit sind zusammengebrochen, und es bleibt nicht mehr viel Zeit bis auch dich die gegen den Westwind laufende Welle überrollen wird. Am südosteuropäischen Balkan herrscht noch immer die Blutrache, frühere "Hinterländer" wie Ungarn und die Slowakei sind bereits Diktaturen, und sogar das ehemalige Ostdeutschland kippt langsam zurück in die Gewaltverherrlichung. Dass meine Generation, die das alles nicht verhindert hat, bald abtritt wird nichts daran ändern. Putin und Trump, die beide dazugehören, wollten in die Geschichtsbücher kommen und haben ihre Macht missbraucht um die Hebel für eine Zeitenwende umzulegen. Und bald wird so wie in Russland nirgendwo mehr ein Lächeln zu sehen sein.


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