Soziale Magie

Menschen verstehen sich selbst in Beziehungen zu anderen. Je mehr Beziehungen jemand hat, je enger diese Beziehungen sind, desto höher ist sein Selbstwertgefühl, das ist also auch ein Wertsystem. Sind Beziehungen gestört, kann das sogar gesundheitliche Auswirkungen haben, je nachdem wie stark sich die betroffene Person an seine Beziehungen gebunden fühlt. Die üble Auswirkung von "shit-storms" auf vor allem junge Menschen ist mittlerweile schon bekannt. Ein solcher Sturm weht einem möglicherweise in den sozialen Medien entgegen, die deshalb von vielen als asoziale Medien bezeichnet werden. Der Staat Australien hat sie jetzt im Dezember 2025 für unter 16-Jährige verboten.

Shit-storms gab es schon immer. Im europäischen Mittelalter 1159 - 1782 reichte eine einfache Beschuldigung auf Hexerei aus, damit die katholische Kirche unter Folter Geständnisse von den Beschuldigten erpresste. Danach verbrannte man die Opfer, um keine Spuren zu hinterlassen, und konfiszierte deren Besitz, und das alles im Rahmen der damals herrschenden göttlichen Gesetze! Zu allen Zeiten waren öffentliche Bestrafungen Ereignisse, zu denen das Volk in Massen strömte, "ein nicht zu verachtender Wirtschaftsfaktor", würden manche heute sagen. Immerhin hat ja auch die christliche Kirche einen Gekreuzigten zu ihrem Markenzeichen gemacht.

Als die Pop-Gruppe "Milli Vanilli" im Jahr 1989 des Betrugs beschuldigt wurde, weil sie nicht selbst sangen, sondern nur tanzten und zu Tonträger-Musik die Lippen bewegten, kostete dies die beiden das Ansehen und danach auch den Job. Einer der beiden sackte in Drogen und Gewalttätigkeit ab und starb 1998 im Alter von nur 33 Jahren. Und das obwohl ihre Vorgänger "Boney M." auch nur Lippenbeweger für den Produzenten Frank Farian waren.

Seit 2008 ist es angeblich für gutaussehende modische Superstars normal geworden, nicht selbst zu singen, sondern nur die Lippen zu bewegen. Offenbar verändern sich die Regeln der Beziehungen also auch. Was gestern als Betrug galt, ist heute ganz normal und man wird belächelt, wenn man es nicht ebenfalls macht. Gilt das auch für shit-storms? Da spricht einiges dafür. Es wurde festgestellt, dass Benutzer statistisch mehr Zeit mit Hass-Kommentaren verbringen als mit "likes"-Zustimmungen. Sie fördern dadurch jene Web-Seiten, die sie ablehnen, und benachteiligen jene, die ihnen gefallen, denn je mehr Aufrufe eine Seite erhält, desto höher sind ihre Werbeeinnahmen, und die sind für den Betreiber des sozialen Mediums finanziell wichtig. Findet hier Nietzsche's "Umkehrung aller Werte" wieder einmal statt?

So lange gibt es die sozialen Medien ja noch nicht. 2005, vor 20 Jahren, startete YouTube und disrumpierte das Fernsehen. Television war eine über ein staatliches Rundfunk-Monopol politisch einfach handhabbare Massenmanipulation. Mit den soziale Medien geht das nicht mehr so einfach. Diese ermöglichen es allen Internet-Teilnehmern, zu jeder Zeit jedes beliebige Video zu konsumieren, oder sogar ihre eigenen Fernsehkanäle zu eröffnen. Was früher ein einheitliches Gerede über das Fernsehprogramm des Vortages gewesen war splitterte sich nun auf in unüberschaubar viele kleine Netzwerke, die untereinander maximal in einer Konkurrenz-Beziehung zueinander standen. Manipulieren kann man die große Masse so nicht mehr, oder zumindest viel schwieriger.

Aber die Versuche laufen. Der TV-Werbefachmann von gestern ist heute ein "social media influencer". Mit gutem Aussehen und/oder guter Redegewandheit kassieren diese neuen Übermenschen Werbegelder von Industrie und Wirtschaft, die das Einkommen derer, die das beworbene (und meist vollkommen überflüssige) Produkt herstellen, bei weitem übersteigt. So kann die Konsumgesellschaft mit immer neu verpackten alten Produkten zumindest "bei Laune" gehalten werden.

Die zivilisierte Menschheit ist ein Ameisenhaufen. Niemand kann alleine überleben. Wird er nicht vom Ameisenbär gefressen oder von Riesenameisen versklavt, so stirbt er möglicherweise an der Angst davor. Unser Beziehungsnetz ist unsere einzige wirksame Lebensversicherung. Die sozialen Netzwerke haben eine neue Dimension für Beziehungen geschaffen. Wenn Kinder sich auf diese Dimension zurückziehen und keine andere mehr zulassen, entstehen jene Verhaltensstörungen, wegen denen der Staat Australien sein Medien-Verbot ausspricht. Aber deshalb sind die sozialen Medien nicht generell schlecht. Sie spalten die Gesellschaft, aber warum sollte das nicht sein? Ein freier Markt sollte bei Bedarf eingeschränkt aber nicht verboten werden, sonst werden jene politischen Kräfte erstarken, die ständig mehr Freiheiten fordern, sich dabei aber benehmen wie die alten Römer oder Kinder unter 16. Die Magie der sozialen Medien ist Spaltung, Individualisierung, ungeschwärzte Informationsvermittlung, und vielleicht wird das einmal ein Ausweg sein aus dem kriegerischen Kreislauf des altrömischen Prinzips "Teile und herrsche". Man muss ja nur das "herrsche" weglassen. Statt Verdrängung und Übernahme die Zusammenarbeit in Betracht ziehen.

Jetzt hab ich noch nicht einmal den Zusammenhang mit Sucht und Künstlicher Intelligenz erwähnt. Das Thema ist einfach zu groß und zu neu .... "Neulich habe ich versucht, mein Telefon nicht mit ins Bett zu nehmen, sondern es im Badezimmer zu lassen. Am nächsten Tag erwachte ich in der Badewanne." :-)

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