Ein Volk, ein Reich, ein Verführer

Ich habe mich gefragt, wie Hitler den Zweiten Weltkrieg beginnen konnte. Der Mann hatte schlechte Schulzeugnisse, keinen Beruf außer Gefreiter (niedrigster Dienstrang eines Soldaten), war vorbestraft und aus Deutschland ausgewiesen, hatte nicht das gute Aussehen eines J.F.Kennedy und wurde trotzdem auf demokratischem Weg zum absolutistischen Herrscher über Deutschland.
Wie bitte?

Der Verführer

Adolf Hitler wurde 1889 geboren und wuchs in Braunau am Inn an der deutsch-österreichischen Grenze und im Raum Linz auf. Er hatte einen tyrannischen gewalttätigen Zollbeamten als Vater und eine unterdrückte liebende Mutter, deren Photo er bis zu seinem Ende 1945 im Berliner Führerbunker mit sich führte. In der Schule war er in "Zeichnen" und "Turnen" hervorragend, in allen anderen Fächern ein Versager. Nach der Schule stand er dem Existenzkampf ratlos gegenüber (vielleicht war das der Grund für den Titel seines späteren Buches "Mein Kampf"), führte ein Bohemian-Leben, war mit Künstlern in Kontakt und versuchte zweimal erfolglos in Wien als Architekturstudent aufgenommen zu werden. 1914 brach der Erste Weltkrieg aus und Hitler meldete sich im Alter von 25 Jahren freiwillig.

Irgendwann habe ich gelesen, dass er als Soldat unfähig, unwillig und unbeliebt gewesen sein soll. Das scheint die Sicht der Siegermächte gewesen zu sein und stimmt offenbar nicht ganz. Er fand im Soldatentum den Ersatz für seine kaputte Familie, erhielt das "Eiserne Kreuz" und geriet 1918 noch in einen Senfgas-Angriff. Nach meiner Wahrnehmung war er das, was man am Land als "Graden Michl" bezeichnen würde, unbedingter Gehorsam gegenüber Vorgesetzten, tiefe Verachtung für Kameraden, die den Krieg ablehnten. Nach Ende des Krieges blieb er überzeugter Soldat und löste sich aus dieser sozialen Gemeinschaft erst, als er sich in der Politik durch Reden ("Ich kann reden!") etabliert hatte. Dort, mit 31 Jahren, war er schon Autorität und wurde dann immer mehr zur mystifizierten Figur. Der große Soldat, der die Niederlage des Ersten Weltkrieges ungeschehen machen wird.

Dieser "Führer" scheint ein sehr bescheidener Mann gewesen zu sein. Er war schon in seiner Soldatenzeit Nichtraucher und Antialkoholiker, lehnte Bordellbesuche ab und ist auch als Vegetarier bekannt. Gegen 1945 hin war er möglicherweise vom damals als Medikament gehandelten "Pervitin" abhängig, das ihm sein Leibarzt Theo Morell verschrieben hat, und das heute "Crystal Meth" genannt wird und ein höchst gesundheitsschädliches Suchtgift ist. Für seinen Hass auf Juden findet sich kaum eine biografische Erklärung, da hat er wohl auf alte Traditionen zurückgegriffen, weil er für seinen Machtausbau irgendein Feindbild brauchte. Das Judentum galt in Europa schon im Mittelalter als die unterste und absolut rechtlose Gesellschaftsschicht, die angeblich mit Geld- und Zins-Wirtschaft "das Volk aussaugte".

Das Volk

Hitlers Wirkung auf die Volksmassen war unglaublich. Deutschland befand sich nach dem Ersten Weltkrieg in einer Wirtschaftskrise mit enormer Inflation, Massenarbeitslosigkeit und Reparationszahlungen. Die Armut begründete die Aussichtlosigkeit der Menschen im Existenzkampf bestehen zu können. Ähnliches war ja auch Ausgangspunkt des Ersten Weltkrieges gewesen und noch im Bewusstsein der Bevölkerung. Hitler versprach Freiheit, Gleichheit und Arbeit für alle. Da war keine Hand, die sich nicht zum Hitlergruß schräg nach oben ausstreckte, wenn er vorbeigefahren wurde, worauf er selbst meist lässig mit angewinkelt zum Ohr erhobenem Arm antwortete.

Freiheit, Gleichheit und Arbeit für alle, das war schon immer unwiderstehliche Politik, die immer die Zustimmung des Volkes gewinnt. Mit der Gleichheit war es nicht weit her bei Hitler, der schon vor seiner Ernennung zum Reichskanzler durch den Adeligen Hindenburg 1933 ein unverkennbarer Diktator war. Er wies in seinen Reden darauf hin, dass Freiheit durch eine Elite verteidigt werden müsse, die seine NSDAP darstellte (Nationalsozialistische deutsche Arbeiterpartei). Darüber stünde nur er, dieses Dreischichtenmodell konnte das Volk leicht verstehen. Damit war die Gleichheit erledigt. Die Freiheit erhielt das Volk durch das Massaker an den Juden und den Sturm auf die europäischen Nachbarvölker, von denen fast keines der technisch weit überlegenen deutschen Wehrmacht widerstehen konnte.

Das Reich

Die Folge war der von 1939 bis 1945 sechs Jahre dauernde Zweite Weltkrieg, der unfassbare 65 Millionen Tote weltweit hinterließ. 83 Prozent der Opfer waren auf "aliierter" Seite, wobei allerdings das anfangs mit Hitler verbündete Russland zu den "Aliierten" gerechnet wurde, und Russland verlor bei weitem am meisten Leben im Zweiten Weltkrieg. Man sollte dabei nicht vergessen, dass der russische Diktator Stalin auch die eigene Bevölkerung massenweise vernichtet und in Konzentrationslager gesperrt hat, die noch lange nach Kriegsende weiter existiert haben. Mehr als zwei Drittel der "aliierten" Verluste waren Zivilisten, auf deutscher Seite hingegen war es nur ein Viertel. Das war also der Aufstand und das Reich des Übermenschen.

Wie bitte?

Bleibt zu klären, wie der Gefreite Hitler den Weg zum Diktator schaffen konnte. Was war die unwiderstehliche Faszination, die von diesem Menschen ausging? Denn die gab es. Den Beweis liefert die Tatsache, dass seine "Freundin" Eva Braun Mitte April 1945, als schon klar war, dass der Krieg verloren war, in den Führerbunker in Berlin einzog und am 29. April dort "den Führer" heiratete. Am 30. April starben beide durch Selbstmord, sie durch Zyankali, er durch Kopfschuß. So etwas macht Frau nicht, wenn Frau einfach nur die oder eine "Freundin" des Diktators ist. So etwas mach man nur, wenn man eine starke seelische Bindung an den Partner hat, die an Religiosität grenzt. In Sekten kommt so etwas vor.

Hitlers Verteidigungsrede 1924 nach dem Putschversuch in München 1923 war der erste bekannte Hinweis darauf, dass er ganz besondere Argumentationskraft besaß. Wie rechtfertigt man sich für Gewalttaten so, dass sogar der Richter sich solidarisch mit dem Täter fühlt?

Hier Zitate aus dieser "Einvernahme":

Als ich im Lazarett einmal ein militärisches Buch liegen hatte, kam der Chefarzt. Der Chefarzt, ein Dr. Stettiner, sagte: „Was lesen Sie da“. Er schlug das Buch auf, sah hinein und sagte dann: „Ich habe Sie für vernünftiger gehalten“. Zunächst war ich wie vor den Kopf geschlagen. Allerdings war Stettiner ein Jude.

Judenhass war damals ganz normal. Hitler argumentiert, dass er sein Leben für ein Volk eingesetzt hat, dem auch der Richter angehörte, und dass es andere schlechte Völker gibt, nicht nur die Juden, auch die Marxisten im Osten:

... weil die bisherigen Parteien das ganze Problem, an dem Deutschland zugrunde gehen wird, nicht erkannten, nämlich die marxistische Bewegung. ... Unter Marxismus verstehe ich eine Lehre, die prinzipiell den Wert der Persönlichkeit ablehnt als schaffendes und schöpferisches Fundament der menschlichen Natur, als treibendes und wirkendes Element der menschlichen Geschichte und Politik, und dessen Auswirkung auf wirtschaftlichem Gebiete das Privateigentum ist. Indem die marxistische Bewegung an Stelle der Person die Zahl setzt, an die Stelle der Energie die Masse, zerstört sie das Fundament des gesamten menschlichen Kulturlebens.

Faschismus ist politischer Fanatismus. Hitler hat sich später offenbar mit dem damals kommunistischen Russland nur verbündet, um es danach unerwartet vernichten zu können. Das war schlau, denn diese Feindschaft zum Marxismus hat ihm sicherlich viel Solidarität in den kapitalistischen USA verschafft.

... daß vor fünf Jahren Leuten, die am deutschen Volke kein Verbrechen begangen haben, einfach die Kronen auf schmählichste Weise vom Haupt heruntergerissen wurden, ohne daß das Volk gefragt wurde, und daß diese Exekution vollzogen wurde von dem Auswurf der Nation, nicht von der Armee und auch nicht von der Heimat, sondern von dem elendesten Lumpengesindel, von Deserteuren und dem ganzen Mist, den Deutschland damals hatte.

So spricht der monarchistische Fanatiker über die Kapitulation der Deutschen am Ende des Ersten Weltkrieges. Er ist zutiefst überzeugt von der Idee des Übermenschen, dem andere Menschen dienen müssen. Warum? Weil die anderen "Lumpengesindel und Deserteure" sind.

Ich brauche nicht zu sagen, daß ich an sich kein Trinker, sondern fast Antialkoholiker bin, daß ich infolge der Trockenheit meiner Stimme hier Wasser, aber in einem Keller ab und zu Bier trinken muß, ist selbstverständlich.

So ganz stand es 1924 also noch nicht so ganz fest, dass der 35-jährige Hitler Antialkoholiker war?!

Wie gewöhnlich trug ich die Pistole außen umgeschnallt, aber nicht in der Hand, sondern in der Tasche ... Wir waren mehr oder weniger alle waffenlos.

"Trug die Pistole ... waffenlos"? Studierte Juristen hören sich solche Wirklichkeitsverdrehungen an?

Ich selbst kann mich nicht schuldig bekennen. Ich bekenne mich zur Tat. Schuldig des Hochverrates kann ich mich nicht bekennen; denn es gibt keinen Hochverrat gegen die Landesverräter von 1918. (-Die Kapitulation nennt er Landesverrat-) ... Ich fühle mich nicht als Hochverräter, sondern als bester Deutscher, der das Beste gewollt hat für sein Volk.

Ich denke, jeder Tagedieb würde seinen aktuellen Diebstahl in dieser Art rechtfertigen. Wenn diese Verteidigung heute als beeindruckend bezeichnet wird, kann das nur an Hitlers agressiver Stimme und seinem Auftreten als Weltkriegsveteran gelegen sein. Die rechtsprechende Jurisdiktion tat sich schon immer schwer gegen die gewaltausübende Exekutive notwendiges Recht anzuwenden.

Worum ging es denn überhaupt? Es ging darum, dass Hitler mit seiner NSDAP damals nicht wie die anderen bayrischen Politiker Kahr, Lossow und Seißer das von Berlin aus angeblich marxistisch regierte Deutschland politisch übernehmen wollte, sondern erst Bayern unter seiner und Ludendorfs Führung unabhängig machen wollte. Hitler hat die Volksversammlung der drei mit ihm Verbündeten am 8. November 1923 mit der Waffe in der Hand und einem Sturmtrupp unterbrochen und ihnen seine Pläne aufgezwungen. Alle waren sie Nationalisten und Monarchisten, Hitler wollte sich aber gewaltsam durchsetzen.

Beim Marsch Ludendorfs und Hitlers am nächsten Tag mit etwa 4000 bewaffneten Anhängern auf das Münchner Wehrkreiskommando wurde der Putschist Max Scheubner durch die verteidigende Landespolizei erschossen und riss den bei ihm eingehängten Hitler mit auf den Boden, wobei dessen Schulter ausgerenkt wurde. Auch 14 andere Putschisten und 4 Polizisten starben. Das war die Reaktion Kahrs auf Hitlers Bedrohung vom Vortag.

Die Juristen im bayrischen Gerichtssaal wussten natürlich um die Schwäche der Regierung in Berlin und auch um die Schwäche des aufsässigen Bayerns. Die Niederlage des Ersten Weltkrieges wollte damals einfach niemand zur Kenntnis nehmen, und man hatte Verständnis mit allen, die sich dagegen auflehnten.

Ich bin überzeugt, daß ich nichts Schlechtes wollte. Ich trage die Verantwortung und trage auch jede Konsequenz. Aber eines muß ich sagen: Verbrecher bin ich deshalb nicht, und als Verbrecher fühle ich mich deshalb nicht; im Gegenteil.

Hitler genoss im Gefängnis viele Privilegien, durfte Teile seines Buches "Mein Kampf" schreiben und wurde nach nur 9 Monaten wieder entlassen, obwohl er zu 5 Jahren verurteilt worden war.

Endlich Diktator

Die Beschreibung seines 9-jährigen Weges bis zur Ernennung zum Reichskanzler durch Hindenburg 1933 würde den Rahmen hier sprengen. Es folgen Zitate aus Reden, die Hitler im September 1934 in Nürnberg hielt, entnommen dem Propagandaschinken "Triumph des Willens". Man beachte, wie nahe sein Gedankengut dem von ihm verteufelten Kommunismus ist.

Vor den "Arbeitsmännern" (6-monatiger Hilfsdienst vor dem Wehrdienst):

... für Millionen unserer Volksgenossen die Arbeit nicht mehr ein trennender Begriff sein wird, sondern ein alle gemeinsam verbindender ...

Vor der "Hitlerjugend":

... dass ihr, deutsche Jungens und deutsche Mädchen, in euch all das aufnehmt, was wir dereinst uns von Deutschland erhoffen. Wir wollen EIN Volk sein, und ihr, meine Jugend, sollt dieses Volk nun werden. Wir wollen einst keine Klassen und Stände mehr sehen, und ihr dürft das in euch schon nicht mehr groß werden lassen.

... denn ihr seid Fleisch von unserem Fleisch und Blut, und in euren jungen Gehirnen brennt derselbe Geist, der uns beherrscht. Ihr könnt nicht anders sein als mit uns verbunden.

... und ihr müsst euch in dem Gehorsam üben. Wir wollen, dass dieses Volk einst friedliebend ist und aber auch tapfer ist, und ihr müsst friedfertig sein (-langer tosender Applaus-), und ihr müsst deshalb friedfertig sein und mutig zugleich. (-Applaus nicht mehr so tosend-).

... ihr schließt euch den Kolonnen an, und wir wissen, vor uns liegt Deutschland, in uns marschiert Deutschland, und hinter uns kommt Deutschland.

Am Parteitag der NSDAP:

Nicht der Staat befiehlt uns, sondern wir befehlen dem Staate. Nicht der Staat hat uns geschaffen, sondern wir schaffen uns unseren Staat.

Es wird nicht so etwas aus nichts, wenn nicht diesem Werden ein großer Befehl zugrunde liegt, und diesen Befehl gab uns kein irdischer Vorgesetzter, den gab uns der Gott, der unser Volk geschaffen hat.

Wir mussten als Partei in der Minorität bleiben, weil wir die wertvollsten Elemente des Kampfes und des Opfers sind, in der Nation mobilisierten, die zu allen Zeiten nicht die Mehrheit, sondern die Minderheit ausgemacht haben.

Die Partei wird für alle Zukunft die politische Führungsauslese des deutschen Volkes sein. Sie wird in ihrer Lehre unveränderlich, in ihrer Organisation stahlhart, in ihrer Taktik schmiegsam und anpassungsfähig, in ihrem Gesamtbild aber wie ein Orden sein.


Fazit

Die Faszination, die von Hitler ausging, war in erster Linie seine gebrüllten Reden und seine soldatische Erscheinung. Er legte sehr viel Wert auf Schlagworte, Symbole, Ausstattung und Repräsentation, so etwas wirkt immer stark auf die Öffentlichkeit. Das Buch "Mein Kampf" enthält zwar nur Dinge, die ich als Polit-Kitsch bezeichnen würde, da war aber ...

  • das Versprechen von Gleichheit, Freiheit und Gerechtigkeit für alle (nationaler Sozialismus)
  • die Verherrlichung des Arbeiters ("Arbeit adelt", die NSD-Arbeiterpartei)
  • die Glorifizierung von Heimat
  • der verführerische Glaube an den deutschen Übermenschen und die Überlegenheit der deutschen Rasse
  • der Jude als Feindbild
  • die Tatsache, dass er ein Mann aus dem Volk war, und dass er 'sein' Volk im Krieg verteidigt und die Niederlage abgelehnt hat

All das wirkt vor allem auf Menschen mit niedriger Bildung, die damals (wie leider auch heute) die große Masse der Bevölkerung bildeten. Hitler vertrat viele Elemente des Kommunismus, nicht nur weil er Klassen und Stände abschaffen wollte, sondern auch weil er persönlich alles für die Volksgemeinschaft gab, der er sich zurechnete. Dieser Fanatismus war wohl sein Erfolgsrezept. Für sich als Individuum wollte er nicht einmal Frau und Familie. Gleichzeitig stellte er sich aber als kapitalistischer Führer an die Spitze einer ehemaligen Monarchie. Er spielte also alle Stücke der Menschenverführung.

Es ist eine Erkenntnis der Sozialwissenschaften, dass sich Soldaten nach Kampfeinsätzen nur mehr bedingt für das zivile Leben eignen. Sie sind vom Krieg so traumatisiert, dass sie nicht mehr in Kategorien des Friedens denken können. Einen Soldaten regieren zu lassen bedeutet Krieg im Inneren, Krieg gegen Nachbarstaaten, Krieg überall. Einem einzelnen Menschen zu viel Macht zu gewähren ist generell der Hauptfehler jeder Zivilisation. Die USA kann man beispielsweise nicht als Demokratie bezeichnen, weil der Präsident viel zu viel Macht hat.


Unauffällige Spuren

Eine moderne Frisur namens Undercut scheint gar nicht so modern zu sein ...

Der Massenmörder Peter Körten (1883-1931):

Der Nazi Heinrich Himmler (1900–1945):

Ein Hitlerjunge 1934:

Ein moderner Diktator:

Ein moderner Fussballer:

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