Wirklich in Pension?

Irgendwie kann ich es gar nicht fassen, dass ich jetzt Pensionist bin, aber es scheint so zu sein. Niemand fordert mich auf, mich doch endlich mit sinnvolleren Dingen zu beschäftigen als mit Musik, Wandern oder Software, die keiner versteht und niemand braucht. Ich kann tun was ich will, wann ich will, so viel ich will. Ich muss mich um nichts mehr kümmern. Niemand kontrolliert mich, und der Staat bezahlt meinen Unterhalt, weil ich ihm jahrzehntelang bis zu 40 % meines Einkommens Steuern gezahlt habe. Ich fühle mich nicht absolut frei, aber beinahe. Und das dauert nun schon eineinhalb Jahre. Fast habe ich den Eindruck, dass das Bestand haben wird.

Man verliert ein wenig den Bezug zur Wirklichkeit und zu anderen Menschen. In Wirklichkeit sind wir ja alle Ameisen, alleine könnte niemand von uns lange überleben. Wir leben in Bienenstöcken und müssen uns an sehr viele Regeln halten. Wenn man nun ausgeschieden ist aus dem, was manche "das Hamsterrad" der 40-Stunden Woche nennen, also dem täglichen Gerenne um Geld und allem was wir sonst noch brauchen, (oder was wir uns einbilden zu brauchen, oder was uns eingeredet wird, dass wir brauchen), wenn man nun danebensteht und dem allem zusieht, schüttelt man irgendwann den Kopf. Was bedeutet, dass man nicht mehr versteht, worum es in diesem Getriebe eigentlich geht. Ein reiches Land, alles da, und doch sieht man nur von Geiz und Gier gezeichnete Gesichter, und es wird nur über Geld und Macht gesprochen. Die Feindseligkeit der Menschen untereinander hat in den letzten 20 Jahren sehr zugenommen. Man möchte lächelnd durch die Welt gehen und sich mit ihnen unterhalten, aber wenn man die Gesichter sieht und die Berührung vorausfühlt, wird einem klar, dass man Pensionist ist, also kein "ernstzunehmender Gesprächspartner". Bliebe noch der Pensionistenverein. Aber das sind ja keine ernstzunehmenden Gesprächspartner :-)

Also denke ich nach über mich und die Welt. Der Einzelne und die Gesellschaft. Das Individuum und das Kollektiv. Die Freiheit und die Regeln. Der Ameisenhaufen, der mich ausgeschieden hat, oder aus dem ich mich gelöst habe, der erhält mich, aber er will mich auch loswerden, denn ich koste Geld. Irgendwie hänge ich sozusagen in der Luft. Einfluss auf den Ameisenhaufen habe ich jedenfalls keinen mehr. Hatte ich den jemals?

Ich fühle mich wie eine dieser Figuren aus schlechten Serienromanen, die keine existenziellen Sorgen haben, statt dessen unendlich viel Zeit, um Abenteuer zu erleben oder Verbrechen aufzuklären. Was mache ich daraus? Jedenfalls keinen Roman schreiben. Einfach weiterleben und das tun, was ich bisher gemacht habe, mit dem Unterschied, dass ich jetzt selbst Regie führe in meinem Film, und bei all den Fehlern, die ich so miterlebt habe, nicht mehr mitmachen muss. Nach mehr als einem Jahr einfach so dahinleben bin ich mir sicher, dass es nicht wichtig ist, dass man vom Ameisenhaufen wahrgenommen wird. Schaffenskraft hat nur der Einzelne, nicht die Gesellschaft, die ist eher im Zerstören gut. Meine Erkenntnis aus eineinhalb Jahren Pension: Weltfremdheit ist nichts Schlechtes.

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