Naturvölker
Einer der grundlegenden Fehler von uns zivilisierten Menschen ist es, Naturvölker als die bessere Art der menschlichen Existenz anzusehen. Naturvölker sind "so gut, so schön, so stark, so gesund", die machen alles richtig, und wir fehlgeleitete Zivilisationisten verschmutzen die Umwelt und fischen ihnen die Weltmeere leer.
Letzteres ist nicht falsch, aber Verschmutzung und Raubbau ist auch bei Naturvölkern ein Problem, weshalb sie oft Nomaden sind, die von einem Raubbau zum nächsten ziehen (die globalisierte Industrie macht das übrigens auch so). Im übrigen urteilen wir so begeistert über Naturvölker nur nach Sichtung von Fotos im Reiseprospekt, das uns knackige junge Afrikanerinnen und sanftmütig blickende tibetische Mönche zeigt. Keiner von uns hat einen Beweis dafür, dass die gesund sind und alles richtig machen. Ich halte das alles für dummes Gerede. Nicht nur dumm, sogar giftig.
Aber zuerst sollte ich einmal erklären, über welche Art von "Naturvolk" ich hier rede, denn über den Begriff wird seit langem schon gestritten. Ich meine jene Menschen, die Columbus 1492 in der Karibik angetroffen hat, die auch heute noch immer in den Wäldern dieser Erde entdeckt werden und dann recht schnell von Tänzen für Touristen leben, während korrupte globale Investoren ihr Land enteignen und ausbeuten, die einheimische Mafia seltene geschützte Bäume umsägt und an dieselben verkauft. Die Naturvölker auf den Andamanen werden zwar ausdrücklich geschützt, aber bald werden auch die ihre Häuser aus angeschwemmten Plastikplanen bauen.
Welche Art der Existenz bietet sich einem Angehörigen eines Naturvolkes? Ohne seinen hierarchisch streng organisierten Stamm wird dieses Wesen sehr schnell von Raubtieren oder vom Nachbarstamm aufgefressen werden, also Freiheit und eigene Entscheidungen gibt es hier nicht. Handelt es sich um eine weibliche Stammesangehörige, dann steht ihr Zwangsheirat und lebenslange Feldarbeit mit primitiven Werkzeugen bevor, optional von Genitalverstümmelung begleitet. Den männlichen Angehörigen steht Folter und Mord im Kampf gegen den Nachbarstamm bevor, erst wenn sie den überleben, würde ihnen eine Existenz gewährt werden, in der die Suche nach den täglich nötigen Überlebensmitteln sie in Atem halten wird. Gewalt ist überall präsent, Fremde werden immer als Feinde betrachtet. Für Lesen, Schreiben, Rechnen und andere Errungenschaften der Zivilisation haben diese Menschen keine Zeit, das Klischee der in Hängematten faulenzenden Ureinwohner kommt nur in Reiseprospekten und schöngefärbten Filmen vor.
Ist man Angehörige(r) der unberührbaren Kaste in Indien, muss man damit rechnen, schon als Kind absichtlich verstümmelt zu werden, um danach seinem Dorf-Brahmanen als mitleiderregender Bettler dienen zu dürfen. Davor schützen einen weder Verfassung noch Rechtsstaat noch Polizei noch Gerichte, denn in Indien regiert - das hinduistische Naturvolk! Uns Europäern kommt das trotz aller Zivilisation irgendwie bekannt vor, wie war das nochmal mit den Straßenkindern in Rumänien, die aus der Ceausescu-Diktatur (1965 - 1989) stammen, und die es heute noch immer gibt?
Ich kann mich an meine erste Zeit in den frühen 1980-er Jahren in Wien erinnern,
da wurde man auf der Ringstraße überall von BettlerInnen angesprochen.
Mit einem langgezogenen "Biiiete" und entgegengestreckter Hand versuchten
sie sich dem Hungertod in Rumänien zu entziehen.
Das habe ich aber erst kürzlich durch das Internet herausgefunden,
damals empfand ich sie einfach nur als lästig und aufdringlich.
Dann gab es Gerüchte, dass diese Bettler "organisiert" seien
und selbst nichts verdienten an ihrer Bettelei, sie müssten alles der
Bettel-Mafia
abgeben, was ihnen gespendet wird.
Dass es so etwas aber hier in Mitteleuropa nicht gibt, wurde mittlerweile
durch die BettelLobbyWien aufgezeigt.
Übrigens würde ich verstehen, dass Bettler sich "organisieren",
denn die Polizei darf den Bettlern alles gespendete Geld abnehmen (nennt man das Rechtsstaat?),
und dagegen hilft nur ein "Chef", der regelmässig kommt und die Spenden mitnimmt;
was aber nicht bedeutet, dass dieser "Chef" das Geld für sich behält!
Ein absolutes Bettelverbot verstößt übrigens gegen die
Menschenrechte.
Dass man Alkoholikern und anderen Suchtkranken das Betteln verbietet finde ich aber in Ordnung,
denn die brauchen das Geld nur für ihre Sucht.
Das letzte, was mir zum Thema Naturvolk noch einfällt, ist eine endlose Diskussion um Barfuß-Gehen auf dem sozialen Besserwisser-Medium youtube: ist der Ballengang oder der Fersengang besser? Beim Ballengang setzt der Vorderfuß vor der Ferse am Boden auf, beim Fersengang ist es umgekehrt. Da postet jemand ein Video, auf dem eine Gruppe Afrikaner zu sehen ist, die barfuß auf Sandboden gehen, und man sieht in gezoomter Zeitlupe, dass einer der "Darsteller" den Ballen gleichzeitig mit der Ferse aufsetzt. Man nimmt also Naturvölker als das Maß aller Dinge, denn wenn die nicht barfuß gehen können, wer dann. Dass es fast keine Naturvölker mehr gibt, und dass auch die Schuhe tragen, wird ignoriert. Na klar, die können alles besser, von denen müsste man lernen, wie die müsste man leben: sie erreichen kaum jemals das Alter von 50 Jahren, die meisten sterben vorher an Hunger, Malaria, Gelbfieber, Dengue, Schlangenbissen, Ruhr, Typhus, Kinderlähmung, Unterernährung, Maschinengewehren, in Bangladesh sterben sie an dem natürlich im Boden vorhandenen Arsen, in Afghanistan treten sie sich beim Barfußgehen tödliche Parasiten ein, in Neuguinea werden sie von ihren eigenen Leuten umgebracht und aufgegessen, sobald der Zauberer sie als Hexen enttarnt hat. Wie war das mit der Inquisition der katholischen Kirche im europäischen Mittelalter?
Auch die zivilisierte Menschheit war einmal ein Naturvolk. Sie hat sich zum Besseren entwickelt. Das Bessere ist ein reguliertes Zusammenleben. Man darf bei Rot nicht über die Straße gehen, man muss sich an Gesetze halten, Gewalt darf nur der Staat ausüben. In demokratischen Gesellschaften wird der Staat in geheimer Wahl von allen Bürgern gewählt, er bestimmt sich also nicht selbst durch Erbfolge (Monarchie), Geheimdienst-Terror oder Ein-Parteien-System (Autokratie). Klar wollen wir ein möglichst natürliches Leben führen, aber nicht auf Kosten anderer, oder auf Kosten des Planeten Erde. Zurück zum Naturvolk ist nicht der Weg, denn von da sind wir gekommen. Im übrigen stammt das Problem der Überbevölkerung von den Naturvölkern, in vielen zivilisierten Ländern liegt die Geburtenrate unter zwei Kindern pro Frau. Das spart Schweiß und Blut.
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