Der Ruf nach der starken Hand

Wie alles auseinanderbricht und ins Schwanken gerät, wenn die Gewalt in die Hand eines Diktators gerät. Der Präsident der USA nutzt seine verfassungsmäßige Macht aus und regiert per Dekret, ignoriert demokratische Mächte wie den Kongress und die Justiz weitgehend. Er regiert die Militärmacht USA wie ein Monarch und lässt Sätze fahren wie "60 states kissed my ass" ("60 Staaten küssten meinen Arsch"), weil seine willkürliche Zollpolitik schwache Wirtschaften rund um die Welt in Schwierigkeiten brachte. Ist solche Fäkalsprache eines Präsidenten würdig?

Plötzlich sitzt der Präsident von Südafrika in der Hinrichtungsstätte namens "Oval Office" und wirbt um die Gunst des Diktators, bietet sich als Golfpartner an und beteuert, er würde so wie Saudiarabien ihm auch ein vergoldetes Flugzeug schenken, wenn er könnte. (Man bedenke, dass Südafrika das 'S' in Russland's BRICS-Vereinigung ist!) Korruption ist kein Vergehen mehr, die Staatsspitzen aus aller Welt, die eigentlich Vorbilder sein sollten, machen es uns vor. Und die handverlesene Presse, die die Ehre hat, dem Meeting beiwohnen zu dürfen, ignoriert den Präsident von Südafrika vollkommen und stellt Fragen über das neue Geschenk von Saudiarabien. (Das störte sogar den großen Diktator!) Wer nimmt diese Handverlesung vor wenn nicht er? Nennt sich das Pressefreiheit?

Der Ton, der sich von den USA ausgehend international durchsetzt, ist nicht akzeptabel. Der Vizepräsident, der der Meinung ist, die rechtsradikale Partei AfD wäre die geeignete Führung für Deutschland. Der Außenminister, der bezüglich des russischen Krieges gegen die Ukraine darauf hinweist, der Präsident versuche Frieden zu stiften, aber es gab nur ergebnislose Telefonate, über die nicht einmal irgendetwas bekannt wurde; er hätte genauso gut sagen können "Der Papa wird schon richten". Der Verteidigungsminister, der seiner Frau die Angriffspläne auf die Huthis im Yemen über social media mitteilt. Alle berufen sich immer auf ihren Präsidenten, wenn sie in Argumentations-Notstand geraten. Nicht zu vergessen die vollkommen übersteigerte Reaktion der Geheimdienst-Beauftragten auf die 8647 Affäre, die der Meinung war, man müsse wegen eines solchen social media posts eingesperrt werden. Alle Diktatoren dieser Welt litten und leiden immer unter Verfolgungswahn. Das sollten sie eigentlich wissen, statt dessen glauben sie zu wissen, was 8647 bedeutet: Morddrohung gegen den großen Diktator.

Auch der Diktator in Israel agiert vollkommen unverhältnismäßig. Er passt den Grad seines langsamen Völkermordes immer genau an die internationale Aufmerksamkeit an. Sobald die Exekution der Palästinenser (und ihrer Geiseln) in Gaza und Westjordan stärker in die Presse kommt, genehmigt er wieder ein paar Hilfslieferungen und wartet auf die nächste Unaufmerksamkeit. Nebenbei verkündet er in einer Rede auf sozialen Medien, dass Israel den Nahen Osten umbauen werde. Hat niemand gehört, nehmen wir nicht ernst, wird man ja sehen, wir haben andere Sorgen, wir dürfen nichts sagen wegen des Holocaust.

Vielleicht sind all diese Führer aber eigentlich unschuldige missverstandene Seelen, die immer nur das Beste für die Menschheit wollen. Vielleicht ist es ja die Menschheit selbst, die so böse ist und Überschallraketen und MK-84 Bomben auf Krankenhäuser und Schulen wirft (Biden hat das abgelehnt, aber Trump hat Netanjahu so viele MK-84 geliefert, dass man damit halb Gaza dem Erdboden gleichmachen könnte, tödlicher Radius 180 m). Und weil der Mensch so schlecht ist, muss die starke Hand her und Ordnung schaffen. Ich denke mich mal in einen Diktator hinein: "Seit Jahrtausenden leben die Menschen unter Feldherren, Königen, Kaisern, Diktatoren und anderen Führern jeder Art nach dem Naturgesetz des Rechtes des Stärkeren. Was soll das mit dieser europäischen Demokratie, die wird ja doch immer nur abgewählt. Sklaverei ist nichts schlechtes, der Mensch braucht Führung und Zwang, sonst gibt es weder Wirtschaftswachstum noch Territorialgewinn."

Fällt uns dazu eine demokratische Entgegnung ein? Wenn die Macht auf viele verteilt ist, fehlt die wehrhafte Reaktionsfähigkeit, siehe Europa. Wenn die Macht auf einen konzentriert ist, verliert das Volk seine Freiheit, siehe Russland.

Ich kann mir eine Welt vorstellen, in der die Erde auf viele kleine Länder aufgeteilt wurde, etwa in der Größe von Litauen, Israel oder Korea. Staaten in der Größe Russlands, Chinas oder der USA, die immer eine Bedrohung für die kleineren wären, existieren nicht mehr. Unbewohnte Territorien besitzt niemand, sie werden der Natur und sanftem Tourismus überlassen. Atomwaffen wurden vernichtet und Kriege werden in Form von sportlichen Wettbewerben ausgetragen. Die Ehe, ein Unterdrückungsmechanismus für Frauen, wurde abgeschafft. Um die Bevölkerungszahl konstant zu halten wird Paaren empfohlen nicht mehr als zwei Kinder zu haben, aber das und alles sonstige Privatleben wird nicht überwacht. Man lebt am liebsten in großen Städten, nicht mehr im Häuschen am Waldrand. Naturschätze werden durch Menschen ausgebeutet, die an dem Ort ihrer Vorkommen auch leben und die Ausbeutung so betreiben, dass sie sparsam und nachhaltig ist und keine Wunden hinterlässt. Das Hauptziel der Menschen ist nicht mehr Macht, Geld und Wachstum, sondern Wissen, Bildung und Kunstfertigkeit. Alle Länder erkennen die Menschenrechte an, die der tatsächlichen Erfüllbarkeit angepasst wurden. Es gibt keine Volksgruppe mehr, deren Unabhängigkeitswunsch nicht erfüllt wurde. Migration zwischen den Ländern ist ungehindert, solange man seine Identität nachweisen kann. Politische kollektive Gewalt wird mithilfe einer international organisierten Einsatztruppe verhindert, die ein mit ständig neuen Personen versorgter zeitbeschränkter Dienst an der Länder-Gemeinschaft ist, sodass es keinen Rückfall in Korruption oder Diktatur geben kann. Kriminelle Gewalt wird genauso verhindert, das aber national, nicht international.

Ich habe noch keine Bücher über Libertären Kommunalismus gelesen, aber diese Utopie kommt meiner Vorstellung wahrscheinlich recht nahe. So wie es momentan aussieht wird die Überwindung der diversen Führer-Epochen noch viele Jahrhunderte dauern. Wir sollten nicht glauben, dass wir alles besser können als unsere Väter, sondern wir sollten aus der Geschichte der Zivilisation lernen (die hoffentlich von Wahrheitsliebhabern geschrieben wurde). Den Ruf nach der starken Hand hatten wir schon zu oft, das ist eigentlich ein Ruf nach Gewalt, und er endet in unserer schwerbewaffneten Neuzeit immer in einer Katastrophe für alle Beteiligten.

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