Zwei Bücher

Bücher sind für mich so etwas wie Wissenstransfer über Jahrhunderte. Natürlich gibt es auch wissenschaftliche Bücher, aber ich bevorzuge Belletristik, um vergangene Zeiten, Völker und von der Menschheit erlangte Erfahrungen kennenzulernen. Romane sind unterhaltsam zu lesen und nicht so mühsam wie wissenschaftliche Werke, bei denen man ohnehin an den vielen nicht erklärten Fachbegriffen scheitern würde. Nachfolgend die Vorstellung zweier Bücher, die ich empfehlen kann.

Vargas Llosa: Das Paradies ist anderswo (2003)

Der Autor, der fast Präsident von Peru geworden wäre und leider vor kurzem gestorben ist, schreibt hervorragend und man kann alles von ihm lesen, wenngleich "Das Fest des Ziegenbocks" schon einigermaßen 'harte' Lektüre ist. Aber so ist das in unserer noch immer von Diktatoren dominierten Welt leider.

Im Roman "Das Paradies ist anderswo" hat er die Biografien von zwei historisch bekannten und verwandten Menschen zusammengefasst, deren Leben und Sterben abwechselnd in den Kapiteln des Buches beschrieben wird. Flora Tristan war Sozialreformerin und Großmutter des Malers Paul Gaugin, dessen Gemälde "Wann wirst du heiraten?" angeblich das teuerste Bild der Welt ist.

Die sozialen Verhältnisse zur Zeit Flora Tristans (1803 - 1844) waren für heutiges Verständnis unvorstellbar. Zu dieser Zeit wurden Ehefrauen, die ihren Mann verlassen hatten, ins Gefängnis gesteckt. Nur zur Einordnung: die französische Revolution ("Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit") hatte schon 1789 stattgefunden. Ein Jahr, nachdem Flora geboren wurde, krönte sich der Revolutions-Nutznieser Napoleon selbst zum Kaiser. Vargas Llosa beschreibt, wie sie nach jahrzehntelanger Flucht vor ihrem die Tochter vergewaltigenden Ehemann und nach seinem Mordversuch an ihr endlich in Frankreich toleriert wurde und dann versuchte, eine nicht-revolutionäre Gewerkschaft zu gründen, um die unbeschreiblichen sozialen Verhältnisse zu verbessern. Wer anders als die Oligarchen könnte diese Zustände verursacht haben? Erst als Flora durch ein Buch über ihre Peru-Reise in der höheren Gesellschaft bekannt wurde, hörte ihre gerichtliche Verfolgung auf.

Paul Gaugin (1848 - 1903) ist der Sohn der Tochter Floras. Sein Vater musste vor der Februarrevolution flüchten und starb, als Paul 2 Jahre alt war. Mit 17 ging Paul zur See, mit 24 wurde er Börsenmakler, mit 34 entschied er sich Maler zu werden. Allerdings war er damals schon Vater einer kinderreichen Familie, und in der Kunstwelt wurde er nur von den Kollegen freundlich aufgenommen, nicht vom Publikum und den Kritikern. Sein also folgender sozialer Abstieg führte ihn nach Panama, wo er sich die Syphilis holte, dann folgte die berühmte Episode in Südfrankreich mit Vincent van Gogh, in Folge dessen sich dieser ein Ohr abschnitt und in die geistige Verwirrung abrutschte. Paul fuhr nach Tahiti und begann den Traum zu leben, den er und Vincent sich ausgedacht hatten. Er war sicherlich kein sensibler Mensch, eher ein rücksichtloser Hippie-Macho mit extremem Freiheitsdrang. Er verdiente nie genug zum Leben mit seiner Malerei und starb schließlich auf den Marquesa-Inseln im Pazifik, wo er das 'ursprüngliche Leben' vermutet hatte.

Beide Schicksale sind sehr aktuell, finde ich, und deshalb hat Vargas Llosa sie wahrscheinlich gewählt. Die zerstörerische soziale Wirkung der Oligarchen tritt weltweit wieder in den Vordergrund, Russland verliert täglich etwa tausend Soldaten in den ukrainischen Drohnenzonen. Die blumige globale Lebenseinstellung der 1960-er Generation, die Paul Gaugin ja vorweggenommen hat, hat sich als rauschgiftige Begleiterscheinung des Kolonialismus herausgestellt.

Rohinton Mistry: Das Gleichgewicht der Welt (1996)

Dieses Buch ist sehr dick und ich lese immer noch daran, bin aber jetzt schon beeindruckt von der Offenheit und Detailliertheit, mit der der in Kanada lebende indische Autor über sein Geburtsland berichtet. Er beschreibt anhand der miteinander verknüpften Lebenswege einiger Alltagsmenschen den gnadenlosen Existenzkampf und die Gewalttätigkeit in der indischen Gesellschaft.

Die Grausamkeit des in Indien immer noch aktiven Kastenunwesens hat bei mir einen Unwillen erzeugt, der sich in Zukunft gegen alle Indien-Begeisterten richten wird. "Indien ist ein Land, wo arm sein keine Schande ist", habe ich irgendwann gehört. Wenn man von Geburt an keine Chance hat der Armut zu entkommen und vom Leistungskapitalismus einfach geschreddert wird, kann es einem im kolonialen Luxus-Ashram residierenden westlichem Touristen schon so vorkommen, als ob dort alles in Ordnung wäre, weil die im Schlamm der Slums lebenden Menschen schon lange aufgehört haben sich aus den Fesseln ihrer Kaste befreien zu wollen.

Ich muss zugeben, dass ich dieses (in Kanada mit einem Literaturpreis ausgezeichnete) Buch immer wieder frustriert weggelegt habe, weil ich die darin beschriebene soziale Gewalttätigkeit einfach nicht mehr ertragen habe. Wenn eine Familie der unteren Kaste ihre beiden Söhne zum (ihrer Kaste verbotenen) Beruf des Schneiders ausbilden lässt, einer von diesen nach seiner Lehrzeit ins Dorf zurückkehrt und eine Schneiderei aufbaut, mit der er mehr verdient als der dort 'regierende' Brahmane, dann bei einer Wahl darauf besteht, seinen Wahlzettel selbst ausfüllen zu wollen (normalerweise kriegt man nur eine Bestätigung ausgestellt, dass man gewählt hat, den Wahlzettel füllt der Brahmane aus), ihm das verwehrt wird und er und seine gesamte Familie daraufhin gefoltert, ermordet und verbrannt wird, dann ist das sicherlich keine künstlerisch-literarische Ausgestaltung. So etwas denkt sich niemand aus, so etwas ist sicherlich tatsächlich geschehen, und zwar vielfach. Mir erzählt niemand mehr, dass die vernünftigen Menschen in Indien die Brahmanen sind. Ich denke, am indischen Land ist ein Menschenleben sogar noch weniger wert als in Russland.

Die Wirklichkeit des Kastenunwesens, das von Hindus als ewige und unumstößliche Weltordnung beschrieben wird, ähnelt dem europäischen Frühmittelalter, der Sklavenhalterei der amerikanischen Südstaaten und der Vorstellung vom tausendjährigen Reich der europäischen Nazis. Der aktuelle Staatsführer Narendra Modi entstammt einer radikalen Hindu-Partei, und das Kastensystem ist Teil des hinduistischen Glaubens. Die Massaker an der muslimischen Bevölkerung im Zusammenhang mit den Ausschreitungen in Gujarat 2002 beurteilte Modi als "natürliche Reaktion" und "rechtfertigbaren Volkszorn". Er hatte als verantwortlicher Gouverneur diese Massenmorde an unschuldigen Menschen einfach geschehen lassen, weder Armee noch Polizei griff ein. Und jetzt ist er Präsident. Es ist nicht nur die mangelhafte Hygiene, die viel aussagt über Indien. In den auf Dienstleistung aufgebauten städtischen Bereichen spielt das Kastenunwesen angeblich keine so große Rolle mehr, aber am Land ist es sogar noch gefestigter als je zuvor. Die Stimmen, die es während der Unabhängigkeitsbestrebungen gegen die Briten abschaffen wollten, sind nicht erhört worden von den Landlords, die ja davon leben.


Zur Erinnerung: das 'I' in BRICS stammt von Indien: Brasilien-Russland-Indien-China-Südafrika. Die drei in der Mitte haben alle Atomraketen, und alle fünf sind bevölkerungsreiche Staaten, die im Korruptionsindex von 2024 nicht gerade weit vorn sind: China 76, Südafrika 82, Indien 96, Brasilien 107, Russland 154, von insgesamt 180. Der von den imperialistischen Russen angeführte Volkszorn der Entwicklungsländer mit dem Ziel einer "multipolaren Welt" ist eine sichere Absage an den Weltfrieden.




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