Die Zehn Gebote

Was mich als Schulkind im Alter von etwa 7 Jahren getroffen hat war eine Religionsunterricht-Prüfung (!) über die Zehn Gebote der christlichen Lehre. Ich versuchte das damals in meinen Kopf zu bringen, aber es ergaben nur wenige dieser Gebote für mich Sinn. Das ist auch heute noch so. Damit ihr nicht nachlesen müsst, fasse ich sie hier kurz zusammen:

  1. Du sollst neben mir keine anderen Götter haben.
  2. Du sollst dir kein Kultbild machen und keine Gestalt von irgendetwas am Himmel droben, auf der Erde unten oder im Wasser unter der Erde.
  3. Du sollst den Namen des HERRN, deines Gottes, nicht missbrauchen.
  4. Gedenke des Sabbats: Halte ihn heilig! Sechs Tage darfst du schaffen und all deine Arbeit tun. Der siebte Tag ist ein Ruhetag, dem HERRN, deinem Gott, geweiht.
  5. Ehre deinen Vater und deine Mutter, damit du lange lebst in dem Land, das der HERR, dein Gott, dir gibt!
  6. Du sollst nicht töten.
  7. Du sollst nicht die Ehe brechen.
  8. Du sollst nicht stehlen.
  9. Du sollst nicht falsch gegen deinen Nächsten aussagen.
  10. Du sollst nicht das Haus deines Nächsten begehren, nicht die Frau deines Nächsten, nicht seinen Sklaven oder seine Sklavin, sein Rind oder seinen Esel oder irgendetwas, das deinem Nächsten gehört.

Dazu gibt es noch eine Einleitung:

  • Ich bin der HERR, dein Gott, der dich aus dem Land Ägypten geführt hat, aus dem Sklavenhaus.

Bemerkenswert bei dieser Einleitung ist, dass schon damals die Sklaverei offensichtlich als Übel betrachtet wurde, aber in vielen Teilen der Welt noch heute als legitime Quelle von Reichtum gilt. Die europäischen Römer haben ihr "Goldenes Zeitalter" auf grausamste Sklaverei gegründet, ebenso wie die amerikanischen Südstaaten. In Chinas Aufstieg zur Weltmacht vermute ich Ähnliches.

Nachstehend möchte ich die Gebote kommentieren, die sinnvollen zuerst, die absurden zuletzt.

  • 6) Du sollst nicht töten.
  • 8) Du sollst nicht stehlen.
  • 9) Du sollst nicht falsch gegen deinen Nächsten aussagen.

Ich denke jeder gewaltfreie Mensch wird diese drei für sinnvoll halten. Die umständliche Formulierung von Falschaussagen (9) übersetzten wir als "Du sollst nicht lügen". Einfacher und treffender.

  • 2) Du sollst dir kein Kultbild machen und keine Gestalt von irgendetwas am Himmel droben, auf der Erde unten oder im Wasser unter der Erde.

Der mögliche Sinn dieses Gebotes wurde mir erst im Erwachsenalter klar, als ich den Missbrauch wahrnahm, der mit Devotionalien und Kultgegenständen getrieben wird. Kern des Übels ist die sichtbare Gestaltung von maximal in Worten ausdrückbaren allgemeinen Werten. Das führt zu individueller Interpretation und Umdeutung dieser Werte, und letztendlich zu ihrer Umkehrung und Auflösung. Esoteriker, Scientologen, Sekten und Gurus aller Art sind Meister dieses Missbrauches. Das ist eine nicht leicht erfassbare Weisheit. In asiatischen Staaten wie China stehen an jeder Ecke Götzenstatuen, die mit Räucherwerk, Geld und sogar Lebensmitteln versorgt werden. Unglücklicherweise lieben die Menschen Kultbilder.

  • 7) Du sollst nicht die Ehe brechen.

Ehebruch ist nur für Erwachsene ein verständlicher Begriff. Angesichts der (unvermeidlichen!) Gleichberechtigung der Geschlechter sollte die Ehe als gesetzlich verankerte Zwangsmaßnahme abgeschafft werden. Übrig bleiben sollte die sexuelle Treue auf Widerruf, denn nur die liegt in der menschlichen Natur. Die Heiratskultur sollte aber erhalten bleiben, denn Feste führen Menschen zusammen und sind immer nett. Ich denke dieses Gebot könnte gänzlich ersetzt werden durch "Du sollst für deine Kinder Verantwortung übernehmen". Eigentlich geht die Gemeinschaft von Mann und Frau nur diese beiden etwas an, niemanden sonst.

  • 10) Du sollst nicht das Haus deines Nächsten begehren, nicht die Frau deines Nächsten, nicht seinen Sklaven oder seine Sklavin, sein Rind oder seinen Esel oder irgendetwas, das deinem Nächsten gehört.

Ein überflüssiges Gebot, es ist bereits in "Du sollst nicht stehlen" enthalten.
Interessant ist, dass hier die Sklaverei plötzlich wieder als normal betrachtet wird. Offensichtlich war nur die ägyptische Sklaverei ein Übel, nicht die jüdisch-christliche.

  • 3) Du sollst den Namen des HERRN, deines Gottes, nicht missbrauchen.

Wie missbraucht man einen Namen? Ich verstehe das auch jetzt noch nicht. Darf man nicht "Oh Gott" sagen wenn etwas so richtig schief gegangen ist?

  • 4) Gedenke des Sabbats: Halte ihn heilig! Sechs Tage darfst du schaffen und all deine Arbeit tun. Der siebte Tag ist ein Ruhetag, dem HERRN, deinem Gott, geweiht.

Sabbat oder Samstag oder Wochenende oder einfach immer wieder Pausen machen, klar, das brauchen wir. Wie erklärt man dieses Gebot aber Menschen, die rund um die Uhr Dienst leisten müssen? Dieses Gebot kann kein Gebot sein, nur eine Wunschvorstellung.

  • 1) Du sollst neben mir keine anderen Götter haben.

Die Vielgötterei sei ein Problem, wurde uns vermittelt, aber das Warum blieb man uns schuldig. Dazu fällt mir als sinnvolle Interpretation nur ein, dass demokratische Staaten ohne Gewaltmonopol nicht funktionieren können. Ansonst finde ich dieses Gebot vollkommen sinnlos. Diktaturen und autoritäre Staaten lieben dieses Gebot wahrscheinlich.

  • 5) Ehre deinen Vater und deine Mutter, damit du lange lebst in dem Land, das der HERR, dein Gott, dir gibt!

Ehre deine Eltern, falls sie dich nicht verprügeln oder ins Heim abschieben, das möchte ich hier klarstellen. Für mit häuslicher Gewalt konfrontierte Kinder muss dieses Gebot wie ein Schock wirken.

Wie aber kommt man dazu, kleine Kinder die zehn Gebote auswendig lernen zu lassen? Was ist das für ein kommunales Bewusstsein, dass man Volksschulkindern das aufzwingt, obwohl nicht einmal Erwachsene deren Sinn verstehen, und dieser Sinn aus einer Welt vor 2000 Jahren stammt? Muss das in Folge nicht automatisch zu Menschen führen, die all diese heutzutage sinnentfremdeten Worte in ihrem eigenen Sinn verwenden, wie das der aktuelle amerikanische Vizepräsident macht in seiner "America First" Adaption von "Ordo Amoris" ?

Sieben der zehn Gebote sind völlig ungeeignet modernes Leben zu regulieren, was zur Zeit ihrer Entstehung wohl ihre Absicht gewesen sein mag. Ich habe mein religiöses Bewusstsein im Alter von 22 Jahren abgelegt, nachdem mir in vielen Diskussionen mit christlichen Patern und religiös bewegten Menschen deren autoritäre und dominante Haltung klar geworden ist, und deren mangelnde Toleranz. Ich bin in Folge aus der mir einfach nur durch Geburt aufgezwungenen katholischen Kirche ausgetreten. Auch heute noch lehne ich sämtliche Religionen ab, sei es Islam, Christentum, Buddhismus oder was auch immer. Ich respektiere aber ihre besänftigende Wirkung auf den hilfsbedürftigen Teil der Menschheit. Die katholische Kirche mit ihrer abscheulichen Folter- und Kindesmissbrauch-Geschichte (die Inquisition!) sollte endlich Konsequenzen ziehen und sich auflösen. Der Religionsunterricht in den Schulen sollte durch Ethikunterricht oder Staatsbürgerkunde ersetzt werden. Mehr Vernunft, weniger Tradition tut not. Das Mittelalter ist schon lange vorbei, und wir wollen nicht dorthin zurück.




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