Sprache
Ich schreibe, also bin ich. Denken allein ist zu wenig. Die Gedanken sind frei, wer kann sie erraten, das ist ein Lied aus einer Zeit, als sie noch nicht so frei waren. Geschriebenes kann man aber lesen, und damit können andere Menschen beeinflusst werden, darum ist es nicht so frei. Für Geschriebenes und Gesprochenes kann man verantwortlich gemacht werden. Die Materie gewordene Sprache bewegt sich also in einem Bereich, der nicht ungefährlich ist für den einzelnen Menschen. Das sind keine fake-news, sondern geschichtliche Erkenntnisse. Der Wort gewordene Gedanke ist wie der Pfeil, der vom Bogen schnellt, er kommt manchmal nicht so an wie beabsichtigt.
Im Ruhestand ist man ruhig gestellt. Es hört einem niemand mehr zu. Man spricht mit sich selbst, auch darauf reagiert niemand. Daher wird die Sprache immer unwichtiger. Ein Leiden wie Alzheimer (Vergesslichkeit) ist wohl eine logische Folge davon. Denn was man nicht durch Sprache wiedergibt, das vergisst man recht schnell. So schnell wie Gedanken eben sind.
Man verfällt in Nachdenken über Ausdrücke, dumme Redensarten und noch dümmere Phrasen, die ja nur verwendet werden, um die Gleichgesinnten um sich zu sammeln. Alleine wird man ja bekanntlich vom Bären gefressen (der vom WWF eigens dafür ausgesetzt wurde), nur in der Herde ist man sicher. Sowohl George Orwell als auch Joseph Conrad waren der Meinung, dass alle Volksweisheiten und Redensarten dumm und aus dem Zusammenhang gerissen sind, und dass sie immer nur als Werkzeuge zur Ausübung von Macht verwendet werden. Die Bezeichnung "geflügeltes Wort" ist treffend, es kann sich auf jedem Dach niederlassen und sieht überall und immer gut aus.
Als ich ein Kind war und erstmals beim Mittagessen das nebenbei laufende Radio wahrnahm, das gerade Nachrichten verlas, fragte ich mich, warum ich nicht einmal die Hälfte davon verstehe, obwohl ich bereits zur Schule ging und lesen und schreiben konnte. Grund ist, dass alle Informationen in Phrasen und Redensarten eingekleidet werden, deren eigentlichen Sinn ein Kind nicht begreifen kann. Sozusagen Geheimsprache für Erwachsene, wie etwa (ein paar der zuletzt gehörten ORF-Phrasen)
- "... alles unter einen Hut bringen ..."
- "... ist ein zweischneidiges Schwert ..."
- "... wurde auf den Plan gerufen ..."
- "... war nur ein Sturm im Wasserglas ..."
Damit möchte man klug und gebildet wirken und den Eindruck erwecken, dass man den innersten Kreis der Gesellschaft darstellt. Ein existenzielles Bedürfnis der Massenmedien. In Deutschland gibt es aufgrund dieser fatalen Gewohnheit sogar bereits "Nachrichten in einfacher Sprache". Die sich natürlich niemand anhört, weil man dann ja für dumm gehalten werden könnte.
- "Papa, was meint der Nachrichtensprecher mit 'Friedensplan über den Haufen werfen'?".
- "Am Ende des Tages wirst du es verstehen".
Diese kleinen Nervensägen. Man muss nur ausreichend erwachsene Medien konsumieren, dann wird man sein Kind auch bald "Mäuschen" nennen. Was dem Kind übrigens mit Sicherheit nicht gefällt.
Die Macht der Worte. Neulich war ich wieder einmal Bücher einkaufen. Bei Thalia in der Mariahilferstraße. Den Vielschreibern wird dort viel Platz eingeräumt, weil am Büchermarkt offenbar Quantität vor Qualität geht. Ein halber Meter John Irving, ein Stück weiter ein halber Meter Julie Zeh. Den ersten hab ich einmal ausprobiert, den kann man sich sparen, am Ende des Buches weiss man nicht mehr, was man eigentlich gelesen hat, aber unterhaltsam war es. Das ist die Wirkung von "Creative Writing", diese "Kunst" kann man in teuren von Amerikanern gehaltenen Seminaren erlernen. Die zweite Autorin hab ich noch nicht ausprobiert, weil ich bislang immer noch einzelne Perlen zwischen der Meterware gefunden habe. Ich suche normalerweise nach Büchern von bereits verstorbenen Autoren, denn wenn die heutzutage noch in der Buchhandlung zu finden sind, dann sind sie wohl von Belang. Dazu zählen Albert Camus, Jean Paul Sartre, Franz Kafka, Alfred Döblin, Emile Zola, Heinrich von Kleist, Nikolaj Gogol, Maxim Gorki, Erich Kästner, Joseph Conrad, George Orwell, Nagib Machfus, Franz Werfel, aber auch die noch lebenden Annie Proulx, Gabriel Garcia Marquez, Amitav Ghosh und Salman Rushdie. Erstaunlicherweise stehen die Bücher der anspruchsvollen Autoren nicht meterweise herum, so wie es eigentlich sein sollte.
Nachdem ich keinen Klassiker gefunden hatte, kam mir doch noch ein interessantes Einzelstück in die Finger: Nguyen Phan Que Mai - Der Gesang der Berge. Ein Roman über Vietnam im 20. Jahrhundert. Auf der ersten Seite stand:
Für meine Großmutter, die an der großen Hungersnot verstarb; für meinen Großvater, der Opfer der Landreform wurde; für meinen Onkel, dem der Vietnamkrieg die Jugend nahm.
Eigentlich habe ich bereits viel zu viele Bücher über Kriege gelesen, ich habe sie schon satt. Aber der Vietnamkrieg ist wegen der unangebrachten imperialen Nachkriegsgewalt der Westmächte eine noch immer recht unbekannte Zone. (Man möchte diese Zeit gerne totschweigen, nachzulesen in "Die französische Kunst des Krieges" von Alexis Jenni.) Die Motivation, die aus der Widmung des Buches von Nguyen Phan Que Mai spricht, ist schon viel überzeugender als die Motivation eines Autors, der aus Langeweile schreibt, oder weil er sich einbildet, ein "bahnbrechendes Genie" zu sein, oder weil er damit reich werden will. Bücher sollte man nur schreiben, wenn man das unbedingte innere Verlangen hat, etwas sagen zu müssen, was alle angeht. Davon hat mich diese Widmung überzeugt, und solche Bücher lese ich gerne.
Merksatz: Ein guter Roman erzählt eine tatsächlich geschehene Geschichte und urteilt nicht, sondern berichtet.
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