Arbeit
Am Dach gegenüber badet eine Krähe im über Nacht gefallenen Schnee. Es ist ein nun schon zu lange dauernder und zu kalter Winter, der gar nicht zur Klimaerwärmung passt. Ein guter Tag, um etwas zu schreiben.
Im Ruhestand besteht die Verpflichtung gegenüber der Gesellschaft nur mehr darin, möglichst bald zu sterben, um die Pensionsversicherung nicht zu überlasten. Ausgeschieden aus der Arbeitswelt spürt diesen Druck jede(r) irgendwann, auch wenn er/sie die Gesellschaft schnell mit der Familie ersetzt, sofern er eine hat. In Pension zu gehen ist also ganz bestimmt nicht schön für Menschen, die gerne Untergebene um sich haben und sich nur gut fühlen, wenn ihnen Anerkennung und Respekt anderer Menschen täglich zuströmt. Ich schätze den Anteil dieser Spezies auf 90 Prozent der Bevölkerung. Nur ein ganz geringer Teil findet sich nach vielen Jahrzehnten "Arbeit" damit ab, keine Rolle mehr zu spielen und eigentlich lästig zu sein. Wobei ich Haus, Herd und Kinder für Frauen durchaus auch als "Arbeit" betrachte, obwohl unbezahlt und von einer konservativen Gesellschaft eher als "Kultur" angesehen.
Was genau ist Arbeit eigentlich? Ist körperliche Anstrengung damit gemeint, oder ganz allgemein die Bemühung um das tägliche Brot? Ist ein Strassenkehrer ein Arbeiter, aber ein Pfarrer nicht? Ist Bildung oder Ausbildung Arbeit? Ist Arbeit die Teilnahme an der Güter produzierenden Wirtschaft, am Handel, oder ganz allgemein am gesellschaftlichen Leben? Ist es Arbeit, wenn man einen Bauernhof besitzt und ausschließlich in die eigene Tasche wirtschaftet?
In dem Buch über Vietnam, das ich gerade lese, ist folgende Szene beschrieben (sinngemäß zusammengefasst): Die Tür wird ohne Klopfen geöffnet, herein strömen viele Nachbarn und einige Bewaffnete, sie beschuldigen dich, kapitalistischer Grossgrundbesitzer, Ausbeuter und Blutsauger zu sein, führen dich ab, stellen dich am Dorfplatz kurz vor ein Tribunal und erschießen dich dann. So geschehen tausendfach am Ende des Vietnamkrieges 1965 - 1975, als die kommunistischen Viet-Minh in das von Frankreich und USA besetzte Südvietnam vordrangen. Sie bezeichnteten diesen Massenmord an der eigenen Zivilbevölkerung als "Landreform". Die Viet-Minh sind auch heute noch an der Macht in Vietnam. Gleiches und noch Schlimmeres wurde vielfach aus China unter Mao berichtet. Man bedenke, dass das keine kannibalische Wilden waren und sind. Sie haben ihre eigene Zivilisation mit Schrift und Sprache, sie nennen einander Bruder, Schwester, Onkel, Tante, je nach Altersunterschied, sie betrachten sich also alle als miteinander verwandt, und ihr Moralverständnis ist viel höher als unseres. Der militante Kommunimus hat ihr Denken und ihren sozialen Zusammenhalt förmlich vergiftet.
Zur Erinnerung: Kommunismus ist jene in Europa von Marx, Engels und Lenin erdachte Ideologie, die Privatbesitz nicht respektiert und die Diktatur des Proletariats als Übergang zur "klassenlosen Gesellschaft" anstrebt. Wörtlich wollten die Viet-Minh, und auch alle anderen von dieser Ideologie erfassten asiatischen und osteuropäischen Völker, die Händler und die "Bourgeoisie" beseitigen und ein Volk aus Arbeiter und Bauern bilden. Was die "Bourgeoisie" sein sollte wussten wahrscheinlich die wenigsten, aber Nachbarn zu vertreiben um deren Land in Besitz zu nehmen ist eine uralte Leidenschaft des Menschen. Ergänzend muss ich auch noch an die massenmordende kommunistische Sowjetunion (siehe auch Holodomor) und an die Roten Khmer in Kambodscha erinnern, für letztere war sogar das Tragen einer Brille ein Verbrechen.
Wenn wir also nach einer genauen Sinneingrenzung des Wortes "Arbeit" suchen, sollten wir von Europa aus nicht nach Osten blicken, sonst könnten wir den Glauben an die menschliche Vernunft verlieren. Was aber sehen wir im Westen? Es gibt keinen Amerikaner, der sich nicht selbst als "hard working man/woman" beschreibt. Der Kult um Arbeit hat durch die zwei Weltkriege des 20. Jahrhunderts keine Einbußen erlitten, im Gegenteil. Auf dem Tor zu einem Nazi-Konzentrationslager prangte einst ein Schild, auf dem "Arbeit macht frei" stand. Wir sind also hier in Europa eigentlich die Wurzel des Übels, das mit unserem Kolonialismus auf den gesamten amerikanischen Kontinent überging.
Weil ich auch in dieser Kultur des "hart arbeitenden Menschen" aufgewachsen bin, hat auch mich die Idee des Kommunismus in meiner Jugend natürlich fasziniert. Heute sehe ich das ganz anders. Ich denke, eine Gesellschaft der Zukunft muss erkennen, dass Arbeit und Sklaverei eng miteinander verbunden sind, und dass man in einer zunehmend automatisierten Welt Bildung und Ausbildung, also das Schulsystem, viel mehr fördern muss. Weder Arbeiter noch Bauern sind bessere Menschen als andere, und ohne Händler und Intellektuelle wäre unsere Welt sehr armselig. Jegliche Ideologie hat nur die Unterdrückung einer bestimmten Gesellschaftsschicht im Sinn, um ihren Anhängern Vorteile zu verschaffen. Sie benutzt dazu immer ganz einfache Gedanken, die jeder verstehen kann, und die sich in der Praxis als tödlich erweisen. Die moderne Zivilisation hat inzwischen Waffen entwickelt, für die der Begriff Massenmord nicht mehr ausreicht.
All das wäre nicht möglich, wenn wir mehr Geschichtsbewusstsein und Bildung hätten
(derzeit "wokeness"
genannt und von gewaltverherrlichenden politischen Bewegungen verteufelt).
Der Kult um Arbeit muss letztendlich irgendwann aufhören,
denn die Menschheitsgeschichte hat über den Kommunismus Arbeit zu sehr mit Gewalt verbunden.
Vielleicht wäre "Vernunft" ein guter Ersatz?
Ein Europa, das Bildung, Wissensvermittlung und Forschung
als Weg zu einer planetenfreundlichen Zivilisation anbietet?
Ich sehe gerade, dass ich da eine ganz wichtige Aussage vergessen habe: die Arbeiterklasse ist auch nur eine von den vielen gesellschaftlichen Gruppen, die an die Macht kommen wollen. Sie unterscheiden sich in nichts von der Aristokratie, schon gar nicht im Ausmaß an Arroganz. Unsinnige Sprüche wie "Wer nicht arbeitet, soll auch nocht essen" oder "Arbeit macht frei" ist typisch für die Arbeiterklasse. Das macht sie ebenso unsympathisch wie all die paramilitärischen Blut-und-Boden Vereine, die nichts von den Waffenlagern in den Kellern ihrer Wohnsitze wissen wollen.
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