Glück
Und dann lebten sie glücklich und zufrieden bis an das Ende ihrer Tage. So märchenhaft stellt man sich das Leben der Pensionisten vor. Man hält das sogar für erstrebenswert, möchte schon lange vor dem Pensionsalter diesen Zustand erreichen, nicht mehr morgens aufstehen und all diese lästigen Leute aushalten, die glauben, dass man etwas für sie tun müsse, nicht mehr arbeiten für Geld, man kriegt es einfach, Schlaraffenland, Paradies, Dösen am Swimmingpool, faul sein ohne Ende.
Was ist Glück genau? Ein mehrdeutiges Wort. Lassen wir einmal die Bedeutung von Glück als Zufall (Kartenspiel) beiseite. Auf Wikipedia steht:
Glück ist die Empfindung einer Person, der es anhaltend gut geht, weil ihr Leben viel von dem enthält, was sie als wichtig erachtet.
Trifft das auf einen Pensionisten zu?
Ich denke nein, denn er ist aus dem Arbeitsalltag ausgeschieden und hat
keine gesellschaftliche Aufgabe und daher auch keine Kollegen mehr, falls er Kinder hatte,
sind die schon ausgezogen und führen ihr eigenes Leben,
und Geld ist meist auch nicht mehr so viel da wie früher.
Oder doch, ja. Keine tägliche Arbeitszeit mehr mit nur Samstags einkaufen,
man hat genug Zeit sich um Verwandte zu kümmern, falls man welche hat,
man kann seinen Hobbys ohne Einschränkung nachgehen, falls man welche hat und sie nicht allzu teuer sind.
Also ja und nein.
Es kommt (laut Wikipedia) eben darauf an, was man für wichtig hält.
Wenn man sich selbst für wichtig hält, ist man demnach maximal glücklich.
(Ist das der Grund, warum Pensionisten so rücksichtlos Auto fahren?)
Ich versuche einmal meine eigene Beschreibung von Glück:
Glücklich ist man, wenn andere der Meinung sind, dass man glücklich ist.
Das stimmt mit der Wirkung von Lob überein. Wird man gelobt, fühlt man sich bestätigt in dem wie man ist und was man tut, ein Glücksgefühl überströmt einen, man denkt man hat alles Wichtige in sich versammelt. Mit Lob hat Donald Trump seine Unterstützer an sich gebunden, und auch der kriminelle "Unternehmer" Keith Raniere hat so seinen fatalen Kult und Reichtum aufgebaut. Mit Glück ist also nicht nur im Spielkasino viel Geld zu machen.
„Das Glück is a Vogerl, gar liab, aber scheu, es lasst si schwer fangen, aber fortg'flogn is glei. Das Herz is der Käfig, und schaust net dazua, so hast du aufamal dann ka Glück und ka Ruah.“ (Alexander von Biczo)
Glück ist etwas Flüchtiges, das sich zwischen Menschen abspielt, und das in der Folge Empfindungen im einzelnen Menschen auslöst. Man wünscht den Menschen bei der Eheschließung, dass sie einander glücklich machen mögen. Es hat also mit Geschlechtsleben zu tun, vor allem aber mit dem was zwischen den Menschen passiert, nicht was in den Menschen passiert. Die Quelle des Glücks ist die Gemeinschaft, nicht der einzelne. Eine schöne Frau fühlt sich nur dann schön, wenn sie viele Blicke auf sich gerichtet sieht.
Der Pensionist ist nur mehr lose in die Gemeinschaft eingebunden und lebt daher sicherlich nicht als Glücklicher "bis ans Ende seiner Tage". Aber der Pensionist ist nicht der einzige, an dem das Glück vorübergeht, Außenseiter der Gesellschaft gibt es viele. Drogen wie Alkohol, Nikotin und Schokolade erzeugen ebenfalls Glücksempfindungen im Menschen, sie sind der Ersatz für die entgangene Wirkung des gesellschaftlichen Glücks. Der Pensionist muss sich ganz besonders von diesen fernhalten, denn sonst kommt das "Ende seiner Tage" schneller als erwartet.
Die Gemeinschaft erzeugt durch Liebe, Bewunderung, Lob, Anerkennung und Ehrungen Glücksempfindungen im Einzelnen. Das ist der wichtigste Bestandteil gesellschaftlichen Zusammenhaltes. Der britische Philosoph Aldous Huxley (1894 - 1963) beschreibt in seinem Roman Schöne neue Welt eine oligarchische Gesellschaft, die Glück industriell als Droge erzeugt und damit ihre Mitglieder willig und widerstandlos hält. Der Unterschied zur Sklaverei ist nur die Wahl der Mittel. Und wir sind dem näher als je zuvor, ebenso wie den Schreckensvisionen des Journalisten George Orwell in seinen Büchern 1984 und Farm der Tiere. Ja, wir haben Jahrtausende lang unter Kaisern, Königen, Zaren, Feldherren und Tyrannen aller Art gelebt, aber nicht freiwillig. Die Zeiten haben sich geändert. Jetzt zählt der freie Wille. Heute brauchen wir Gesellschaften, die sich nicht mehr auf ihre allwissenden Führer verlassen, sondern mit offenen Augen selbst die Welt wahrnehmen und schnell auf Veränderungen reagieren können. Mit furchtbaren Waffen geführte Kriege und durch Übertechnisierung ausgelöste Naturkatastrophen bedrohen uns.
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