Freie Radikale

Amerikaner stürmen ihr eigenes Kapitol, weil sie eine Wahl verloren haben. Die Russen beschließen ein Gesetz, das die Aussage, dass man selber keine Kinder haben will, strafbar macht. In Südafrika legt Korruption die eigene Energieversorgung lahm. Die Afghanen wollen ihre Frauen "traditionell" als Sklaven halten, verbieten ihnen Bildung und schreiben ihnen Kleidung vor. Das Hungerland Nordkorea kämpft nun auch gegen die Ukraine und sprengt Straßen nach Südkorea. Israel bombardiert Hilfskonvois an der Meeresküste in Gaza, zerstört zwei Gebäude der Friedensmission UNIFIL im Libanon, kümmert sich nicht um seine Geiseln in der Gewalt der Hamas.

Die Autokraten und Oligarchen sind global vernetzt, Trump liebt Orban und umgekehrt, Orban liebt Putin und umgekehrt, Putin liebt KimJongUn und umgekehrt, und Iran und China lieben alle, die "den Westen" als Feindbild haben. Und überall hat die Bevölkerung einen nicht ganz unbegründeten und doch unberechtigten Respekt vor solchen Ausübern von Gewalt. Man hat den Eindruck, dass die Menschheit nicht ohne Krieg sein will. Je länger Frieden "herrscht", desto unzufriedener werden die Menschen.

Krieg ist heutzutage aber ein High-Tech Krieg, der mit vollkommen unmenschlichen Massenvernichtungswaffen gekämpft wird. Überschallraketen, Phosphor- bzw. Vakuumbomben, Streubomben, Drohnen, großflächige Verminung von ganzen Landschaften, die jahrzehntelang das Leben unschuldiger Menschen vernichten wird. Welche Rolle spielt da noch die Atombombe, die den Krieg zwar verkürzen würde, aber zur völligen Vernichtung des Planeten führen würde (alle wissen das und wollen trotzdem ihre eigene Atombombe). Was Putin in der Ukraine macht hat starke Ähnlichkeit mit den Attila-Kriegen (etwa 450 n.Chr.), das offenbart sich besonders an der Art der russischen Kriegsverbrechen. Der Rechtsgelehrte und Historienautor Felix Dahn (1834 - 1912) hat in seinem Attila-Buch die Einstellung der Autokratenwähler recht treffend beschrieben:

Nichts ist dort (in Athen und Byzanz, heutiger "Westen") sicher vor der Gier und der Aussaugungskunst der Steuerbeamten, Recht aber findet der kleine Mann vor den Gerichten nie: denn er kann die Richter weder bestechen noch einschüchtern.
....
Hier (bei Attila) schafft der Herrscher mir und jedem ärmsten seiner Unterthanen, der nichts hat als Gaul, Sporn und Speer, rasch volles Recht wider den mächtigsten seiner Großen.
....
Ich habe lieber einen Herrn als zehntausend Peiniger. Das ist der Grund, weshalb ich lieber Attilas Unterthan bin als Kaufmann zu Athen oder Rhetor zu Byzanz.

"Ich habe lieber einen Herrn als zehntausend Peiniger", so charakterisiert Felix Dahn (übrigens ein Befürworter des Judentums) den Konflikt zwischen Autokratie und Demokratie. Ich habe nicht den Eindruck, dass sich an dieser Meinung der autokratisch eingestellten Bevölkerung seither etwas geändert hat.

Was ich hier "die freien Radikalen" nenne sind nur etwa 10% der Menschen. Im Iran beherrschen laut einer Studie etwa 12% der Bevölkerung alles, inklusive Gesetzgebung, Rechtsprechung und Strafvollzug. Man könnte das auch Fortschritt nennen, denn zur Zeit des persischen Schahs war es ja nur eine einzige Person, aber die Masse der iranischen Menschen stellt sich unter Fortschritt sicherlich etwas anderes vor. Das sind 88 Millionen Menschen, die Herrscherschicht besteht daher aus etwas mehr als 10 Millionen Menschen. Das sind die, die ein junges Mädchen umgebracht haben, weil es kein Kopftuch getragen hat, und sich dafür nicht einmal entschuldigt haben, und die laufend Menschen exekutieren, die das alles kritisieren. Russen und Chinesen sind nicht anders. Ich glaube, dass es in Russland, in dem 143 Millionen Menschen leben, sogar weniger als 10% sind, die die freie radikale Gewalt an sich gerissen haben. In Westeuropa leben übrigens 435 Millionen Menschen (ohne Ungarn und Slowakei), in der Ukraine waren es 2020 noch 44 Millionen.

Doch stop, hat da nicht eine freie radikale Partei, die sich dem Reigen der Autokraten angeschlossen hat, hier in meinem geliebten Heimatland bei der Nationalratswahl 2024 fast 30% der Stimmen bekommen? Das sind doch deutlich mehr als die iranischen 12%! Gottlob rettet uns das System der Demokratie. Es stehen noch über 70% gegen unsere freien Radikalen.
Die autokratischen Wähler Österreichs wohnen am Land. Dort fühlt man sich verlassen vom Staat. Post, Polizei, Krankenhäuser sperren zu, und überhaupt kriegt man nicht was man verdient. Die Privatsender RTV und AUF1 heizen diese Stimmung noch auf, RTV bezeichnet uns beispielsweise als "Sumpf der Lemminge" und "geschlechstlosen regenbogenfabigen Einheitsbrei". Das kommt bei den Stammtischen gut an, wo der Jagdmann seinen Büffeltöter an die Theke lehnt und "Brauch ma wida mol an Hitler" über das Schnapsglas hinweg verkündet.

Rassismus und Nationalismus sind kein Problem, die wird es immer geben. Gewalt ist das Problem. Sobald die freien Radikalen sich mit dem Büffeltöter durchzusetzen beginnen, bricht die Zeit der Autokraten "wida mol" an. Man erinnere sich an den österreichischen Bürgerkrieg 1934, in dem noch mit dem in Österreich erfundenen Würgegalgen hingerichtet wurde. Gewalt löst keine Probleme und muss mit allen Mitteln verhindert werden. Felix Dahns "zehntausend Peiniger" sind in Wirklichkeit immer die freien Radikalen, und der "eine Herr" müsste der Rechtsstaat sein.




Comments

Popular posts from this blog

Wandern Notfallmeldung

Meine Software-Entwicklung

Politik