Waldyoga
"Waldbaden", "Waldyoga", welch mystisch-interessante neue Wortschöpfungen. Sinnsucher werden angezogen von solchen Reizworten, die meist mit Fremdworten vermischt werden, welche man schon immer einmal verstehen wollte. Aber Mystik ist der Feind der Wahrheit (Bodo Hell). Auf youtube erfährt man folgendes:
Ein "Waldbader" ist einer, der "die wohltätigen Kräfte des Waldes konsumiert", ein "Waldyogi" ist darüber hinaus einer, der "in eine wechselseitige Beziehung mit der Natur tritt".
Solche Formulierungen werden garniert mit indischen Begriffen von Yoga-Lehrern mit schwer merkbaren Namen, vermittelt in mehrjährigen Ausbildungen zum professionellen "Waldyogi", gelehrt durch eine Hierarchie von sich aufeinander berufenden Gurus und Akademikern, ganz oben meist ein Amerikaner. Die hohe Kunst des Aufbauschens einfacher Dinge. Ich möchte es nicht direkt Pyramidenspiel nennen, aber es dreht sich letztendlich doch um Anwerbung zahlender zukünftiger "Waldyogis". Wie man an all diesem esoterischen Konsumzwang vorbeikommt und trotzdem "Waldyogi" werden kann, möchte ich im folgenden kurz in einfacher Sprache aus meiner persönlichen Erfahrung erklären. (Richtig geraten, ich bin ein selbsternannter "Waldyogi"!)
Einfache Sprache ermöglicht die verlustfreie Verbreitung von Wissen. Je einfacher die Sprache, desto eindeutiger die Aussage, desto weniger kann sie von jedermann umgedeutet werden. Je weniger Fremdworte, desto mehr Menschen werden verstehen. Je mehr sich Wissen verbreiten kann, desto weniger kann es durch Geheimhaltung von einigen wenigen zur Ausbeutung der Massen verwendet werden.
- Meditation verstehe ich als unausgesprochene Frage an die Natur. Ich frage mich, wie dieser Baum so hoch werden konnte. Dabei sind natürlich der Boden, die Wurzeln und die Nachbarbäume beteiligt, aber abgesehen davon gibt es noch undurchsichtigere Umstände wie die Verwindung des Holzes. Wie kommt ein Baum zu dem Wissen, dass eine schraubenförmige Faserstruktur des Stammes standfester ist als eine gerade? Jetzt muss man keine schraubenförmige Yoga-Haltung einnehmen, um das zu klären (obwohl man natürlich kann, wenn es der Guru erlaubt hat:-). Nur durch bloßes Nachdenken darüber wird die schraubenförmige Struktur kurzzeitig in den eigenen Körper übergehen. Als nächstes könnte ich fragen, ob auf Fels wachsende Föhren mit ihren Wurzeln den Stein auf der Suche nach Sickerwasser aufspalten, oder ob sie mit ihren Wurzeln in Felsspalten einen sichereren Halt als den am Waldboden suchen. Oder ob die wirkliche Baumkrone vielleicht die Wurzel ist, die Erde die Luft, die Dunkelheit das Licht.
- Meditation ist auch das Wandern im Wald selbst. Bewegung ist Leben. Einen Fuß vor den anderen zu setzen bringt nicht nur den Körper einen Schritt weiter, sondern auch den Geist. Fortschreitend löst man die Probleme, die nicht aus dem Kopf gehen wollen. Kleine langsame Schritte bringen sicher und genussvoll an allen Abgründen vorbei auf den Gipfel, große schnelle machen süchtig nach Leistung und bringen vielleicht sogar Stürze in den Abgrund. Macht man den Weg barfuß, geht man zwangsläufig so langsam und leise, dass es meditativ wird, und man kann sich sicher sein, dass "die Beziehung zur Natur wechselseitig ist" (spätesten beim Entfernen der Stacheln aus den Sohlen bemerkt man es:-). Wald ist niemals langweilig, denn er wiederholt sich nie, er sieht überall anders aus.
- Meditation ist letztendlich der Aufenthalt in einer geschützten Umgebung. Der Wald ist nicht nur schattig kühl, man wird darin auch gleichsam unsichtbar (falls die Bäume nicht wie Soldaten "in Reihe und Glied" gepflanzt wurden). Keine menschliche Bedrohung irgendeiner Art darf anwesend sein, man muss sich absolut sicher und unbeobachtet fühlen. So eine Umgebung kann nur abseits der Wanderwege sein, und nur dort, wo die Motorsäge noch nicht gewütet hat. Man setzt sich auf eine trockene Stelle am Waldboden und verwandelt sich in eine Pflanze. Die Haltung der Wirbelsäule trägt wesentlich zum Wohlbefinden während der Meditation bei, die Arme kann man in verschiedene Positionen bewegen, um die Wirbelsäule in die beste Stellung zu bringen. Zu langes Verharren in einer Stellung vermeide ich, das schafft Krampfmuskeln. Man begreift, wie nichtig die eigenen Probleme sind im Gegensatz zu jenen, die die Bäume rundherum lösen müssen. Man versteht letztendlich die Bäume als Wesen und Freunde, mit denen man sich unterhalten kann, und nicht nur die Bäume, alles was da wächst und lebt vermittelt Sicherheit und Freiheit auf der mit etwa 1000 km/h sich bewegenden Oberfläche des Planeten. Richtige Waldyogis haben immer gute Laune und ein Lächeln auf den Lippen.
Ich bedauere Völker, die in waldlosen Gebieten leben müssen. Allerdings ist Europa auch schon von drohender Waldlosigkeit betroffen, wenn man die künstlich angelegten und dann von Stürmen und Trockenheit großflächig vernichteten Wälder Deutschlands betrachtet. Auch wenn der Mensch alles auf maximalen Gewinn optimiert, weiß die Natur doch noch besser, wie man Wälder anlegt. Seht euch die Erkenntnisse des deutschen Försters Peter Wohlleben an. Und glaubt nicht, dass "Waldyogi" sich von den "wohltätigen Kräfte des Waldes" dauerhaft pflanzlich ernähren kann, das geht nicht.

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