Arroganz

88 Prozent der Wiener Autofahrer sind überzeugt davon, dass sie bessere Fahrer sind als alle anderen. Aus persönlicher Erfahrung weiß ich, daß man am Land der Meinung ist, daß Wiener schlechte Autofahrer sind, man kann also davon ausgehen, dass die Bessersein-Überzeugung am Land bei 100 Prozent liegt.

Mit welcher Selbstverständlichkeit Geschwindigkeitsbeschränkungen um ein Vielfaches überschritten werden.
Mit welcher Selbstverständlichkeit bissige Hunde ohne Leine und Maulkorb laufen gelassen werden.
Mit welcher Selbstverständlichkeit man anderen das Wort abschneidet.
Mit welcher Selbstverständlichkeit Zigarettenkippen, Aludosen und Plastikflaschen in die Wiese geworfen werden. Andere sollen das aufheben, es gibt ja so viele Einwanderer und Arbeitslose, die sollen was tun.

Mit welcher Selbstverständlichkeit sofort Gewalt als Lösung angewandt wird.
Großbritannien geht aktuell wieder einmal voran mit den Southport Morden. Auslöser dieser Wahnsinnstat eines 18-Jährigen waren mit Sicherheit Gewalt predigende Autoritätspersonen, seien es die eigenen Eltern oder britische Rassisten. Folge sind landesweite gewalttätige Proteste. Die Arche Noah Großbritannien scheint nun mit übervollen Gefängnissen und einem kaputten Gesundheitssystem unterzugehen. Von den Russen will ich hier gar nicht reden, dort ist Gewalt ja jetzt zur Religion geworden. Was treibt diesen Zerfallsprozess der Zivilisation an? Was kann ihn aufhalten?

Es gibt Menschen, die sagen, dass es das Volk selbst ist, das Kriege beginnt, gar nicht die Politiker. Die Politiker schwimmen nur auf der allgemeinen Stimmung des Volkes, die wiederum stark von den Medien beeinflusst wird. Und die Medien sind der Gewalt nicht gerade abgeneigt, denn Gewalt bringt hohe Einschaltquoten und Besucherzahlen. Je länger es keinen Chaos erzeugenden Krieg gibt, aus dem neue und bessere Ordnung entstehen kann, desto mehr führen die Menschen untereinander oligarchische Kleinkriege, die zu einer breiten Unzufriedenheit führen. Das Wort "unzufrieden" weist den Weg. Die sogenannten "sozialen" Medien spiegeln das gut wieder. Alle wollen sie "aufsteigen", einzeln oder in Gruppen oder in Massen. Und das sind 88 Prozent, die überzeugt davon sind, dass sie besser sind als andere. Das nenne ich Arroganz. Das große Problem nicht nur der westlichen Welt.

Am 1. August hatten wir den weltweiten Erdüberlastungstag erreicht, d.h. bis zum Jahresende verbrauchen wir nun Mittel, die die Erde gar nicht geben kann. Das einzig beruhigende an dieser Statistik ist, dass der Tag seit etwa 10 Jahren gleich bleibt und sich nicht weiter Richtung Jänner verschiebt. Die gesamte Weltbevölkerung verbraucht derzeit pro Jahr 1,7 Planeten. Österreich ist ganz vorne mit dabei, noch vor Deutschland, wir hatten unseren Erdüberlastungstag schon am 7. April. Die USA verbraucht 5,1 Erden, Deutschland 3, China 2,4.

Ist das so, weil 88 Prozent überzeugt davon sind, dass sie besser sind als andere, und wir diese Meinung auch noch exportieren? Oder ist Arroganz der Grund dafür, dass es uns hier in Europa noch so gut geht? Geht es uns wirklich gut? Wie war das mit den unleistbaren Immobilien-Preisen und -Pleiten, den burn-outs und Selbstmorden im Gesundheitssystem, den Morden an Politikern auf offener Straße, das immer offenere Verlangen nach der "starken Hand"? ('Brauch ma wida mol an Hitler') Die starke Hand, die den 88 Prozent vorlügt, dass sie wirklich besser sind als die restlichen 12 Prozent?

Gestern habe ich mir eine Naturdokumentation über die Alpen auf Youtube angesehen. Vor 40 Jahren war in solchen Filmen immer die Rede davon, dass in der Natur nur die Starken überleben. Diesmal wurde davon geredet, dass eher die überleben, die zusammenarbeiten, und nicht die 88 Prozent gegeneinander Arbeitenden. Ist das vielleicht ein richtungsweisender Sinneswandel?

Comments

  1. Markus Rogan hat irgendwann gesagt: "Natürlich bin ich arrogant". Sportler sind professionell arrogant, der Beruf fordert das. Nun kann man natürlich auch jeden Beruf als Sport auffassen. Äußert sich fehlendes Selbstvertrauen in Arroganz? Oder wird Empfindlichkeit gegen Arroganz durch fehlendes Selbstvertrauen ausgelöst? Im ersten Fall haben die Wiener Autofahrer zu wenig Selbstvertrauen. Das klingt nicht glaubhaft. Also ist es der zweite Fall, die Nicht-Autofahrer, die die Brutalität der 88 Prozent aushalten müssen, haben zu wenig Selbstvertrauen. Oder zu wenig Blechhülle rund um sich. Arroganz ist wie alles relativ, was der eine als Arroganz empfindet, ist für den anderen normal.

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