Nichtstun als Ideal

Man kommt zur Welt und wird als erstes zum Spielen angehalten. Dann beginnt der Kindergarten und damit die Einreihung in die Masse. Spiel wird dann in der Schule durch Lernen ersetzt, Lesen, Schreiben, Rechnen, später Allgemeinwissen wie Geografie und Geschichte, ein wenig Bewegung wird den Kindern im Sportunterricht auch gegönnt (wenngleich viel zu wenig). Dann wird man erwachsen und entscheidet sich zwischen Berufsantritt und Weiterbildung. Letztlich landen alle im Beruf und damit in der Lohnarbeit oder Selbständigkeit, die eine Aufteilung der Lebenszeit in 1/3 Arbeit, 1/3 Schlaf und 1/3 Leben mit sich bringt. Zu allerletzt geht man in Pension und scheidet aus der Arbeit aus, das Geld zum Leben erhält man dann von einer Versicherung, in die man während seiner vorherigen Teilnahme an der Geldwirtschaft eingezahlt hat. Das alles wird organisiert und beaufsichtigt vom Staat.

Die Auflehnung gegen diesen Lebensplan gibt es nicht erst seit den Wutbürgern, Reichsbürgern und anderen freiheitlichen Gruppen. Auch die Nicht-Teilnahme daran existiert schon länger als das Auftreten der Hippies. Während diese alle noch Minderheiten sind, existiert eine Idee meiner Meinung nach in der Mehrheit aller Köpfe: Nichtstun ist der Idealzustand des Menschen. Das vermitteln sogar östliche philosophische Schriften. In westliche Verhältnisse übertragen bedeutet das am privaten Schwimmbad zu sitzen, teure Alkoholika zu trinken, sich durch andere bedienen zu lassen, Golf zu spielen und sich um nichts anderes als um die Vermehrung des eigenen Reichtums zu kümmern. Der Glaube an dieses Ideal treibt uns an. (So haben das die östlichen Philosophen allerdings nicht gemeint, denke ich.)

Der westliche Leistungsmensch versucht das Nichtstun auf verschiedensten Wegen zu erreichen, nicht immer nur aus Überdruss heraus, sondern auch um aus der (oft nur eingebildeten) Armut herauszukommen. Im Mittelpunkt steht immer Geld als Maß des Wertes eines Menschen:

  • Oligarchen erben so viel Besitz von ihren Eltern, dass sie ohnehin nie zur Lohnarbeit gezwungen sind.
  • Karrieristen erheben sich über andere und leben, wenn ihnen das gelingt, von den Bemühungen ihrer "Untergebenen".
  • Spezialisten und Monopolisten bieten Produkte oder Dienstleistungen an, die viele brauchen und die nirgendwo anders zu bekommen sind, und leben dann von vollkommen überhöhten Preisen dafür.
  • Ämter-Anhäufung und Börsen-Spekulation bieten die Möglichkeit, in wenigen Jahren das zu verdienen, was andere in einem ganzen Leben verdienen.
  • Manche verschaffen sich ihre "Freiheit" durch Korruption (wie Preisabsprachen mit der Konkurrenz) oder einfach Verbrechen.

Wer es geschafft hat, von der Arbeit anderer zu leben, wird als Erfolgsmensch angesehen und verehrt. Dieses Chaos aus Nichtstun-Bemühungen führt zum genauen Gegenteil, einem regen Tun. Unsere Zivilisation ist also eine Eselskutsche, deren Esel deshalb vorwärts läuft, weil ihm der Kutscher mit einer Angel ständig eine Karotte vor der Schnauze schaukeln lässt. Die Karotte heisst Nichtstun, Luxus, Ehrenämter und Orden.

Ich als Pensionist tue nichts (ich habe die Karotte erwischt:-). Geht es mir gut dabei? Zwar habe ich mehr Freiheit als früher, aber die gesellschaftliche Toleranz fehlt. Rentner werden häufig wie Vagabunden behandelt, wir gelten als Außenseiter. Unsere offizielle Beschäftigung lautet "Vorbereitung auf den Friedhof". Aus Sicht der Sozialversicherung ist jedes unserer weiteren Lebensjahre ein Verlust für die Gesellschaft. Was motiviert einen da, gesund und leistungsfähig zu bleiben?

Bewegung ist Leben. Nichtstun ist keine Option. Solcher Lebenswille kann aber nicht mit einer Gesellschaft zusammenhängen, die Ballast ständig nur abwerfen will. Dies wäre nicht der Fall, wenn die Gesellschaft Wiederverwendung mehr kultivieren würde, in allen Bereichen. Mich hat beispielsweise niemand gefragt, ob ich länger arbeiten möchte. Die Leistungsfähigkeit hat die Jugend, die Erfahrung hat das Alter. Es wäre gut, wenn die Gesellschaft das erkennen würde, Ausgleich schaffen würde, und sich weniger an Geld als viel mehr an Ethik und Moral orientieren würde. Wie das gehen soll? Hat uns die Bildungsfreiheit nicht Wissenschaftler beschert, die das herausfinden könnten?

Ihr werdet das Nichtstun nicht ertragen, und die Menschen um euch werden euer Nichtstun nicht ertragen. Weil alle Menschen voneinander abhängen und daher alle ihren Beitrag am gemeinsamen Leben leisten müssen. Für alle die glauben, das das nur für "die anderen" gilt, aber nicht für sie selbst: Diktatoren, Autokraten, Trinker, Raucher, also alle die solches sagen, sind aussterbende Spezies. Fällt nicht herein auf ihre Werbefallen.




Comments

Popular posts from this blog

Wandern Notfallmeldung

Meine Software-Entwicklung

Politik