Existenz

Mein Schlaf-Rhythmus ist kein Rhythmus mehr, eher ein polyrhythmischer Zyklus, der von Zeit zu Zeit dorthin zurückkehrt, was früher "Normalität" war. Zusammen damit ist natürlich auch mein Ernährungs-Rhythmus "gestört". Warum ich hier "Hochkommas" verwende? Weil ich mir nicht sicher bin, ob die möglicherweise negative oder positive Bedeutung dieser Worte wirklich so negativ oder positiv ist. Man irrt sich oft und kommt erst in weiteren kritischen Betrachtungen zur "wahren" Natur der Dinge. Zweimal hinsehen ist nie zuviel. Und möglichst zu verschiedenen Zeiten und aus mehreren Blickwinkeln.

Mit meiner von der Gesellschaft mir gewährten Rentner-Freiheit bin ich ganz zufrieden, ich kann die Dinge, die mich interessieren, ohne Zeitdruck verfolgen und verwirklichen, so wie den Kauf einer neuen percussive-acoustic Gitarre. Dazu sind Pensionisten ja noch gut, sie können "konsumieren". Ich existiere also noch, wenngleich ohne gesellschaftliche Bedeutung.

Der Einzelne und die Gesellschaft. Das Individuum und das Kollektiv. Ich und die Welt.
In meiner Jugend hat mich das Buch 'Der Ekel' von Jean Paul Sartre sehr beeindruckt. Sartre wollte das Buch 'Melancholia' nennen, aber sein Verlag wollte das nicht, und der Mittelschullehrer Sartre war offenbar froh, endlich ins literarische Geschäft zu kommen. Als gedrungener kleiner Mensch mit einem schon in der Kindheit erblindeten schielenden rechten Auge war er in der vom Fernsehen beherrschten Nachkriegszeit, die in Hollywood-Filmen den schönen starken gesunden Menschen als Vorbild hinstellte, wohl ein Außenseiter.

Ich habe das Buch nun nochmal gelesen, um verschiedene Zeiten und mehrere Blickwinkel wirken zu lassen. Beeindruckt hatte mich damals in dem Buch vor allem die Schilderung der "Halbwelt", in der Sartre offenbar verkehrte. Dies erklärt sich wohl aus der Nachkriegsstimmung, die übrigens auch Louis-Ferdinand Céline in seinem Buch 'Reise ans Ende der Nacht' (erster Weltkrieg) sehr gut beschrieben hat. Und immerhin bin ich ja auch ein Nachkriegskind, oder "Kriegsenkel".

Das zweite Lesen des 'Ekel' hat in mir einen vollkommen anderen Eindruck hinterlassen. Warum habe ich als 19-Jähriger dieses Buch beeindruckend empfunden? Die offene moralische Haltung war wohl der Grund. Und das vorangegangene Lesen seines Drehbuches Das Spiel ist aus, das sich ebenfalls mit "Existenz" beschäftigt. Worauf er ja den "Existenzialismus" als Philosophie gründete: man hat nur seine Existenz, kein Leben nach dem Tod. Das ist eine Denkweise, mit der sich ein Jugendlicher gut identifizieren kann. Individualismus pur:

.... dass es keinen Gott gibt, der den Menschen Werte auferlegt haben könnte, und keine außerhalb des Menschen liegende verbindliche Ethik. Die Lage des Menschen ist also durch absolute Freiheit gekennzeichnet.

Ich habe den 'Ekel' beim zweitenmal Lesen ganze Seiten lang nicht mehr verstanden, und das hat etwas Misstrauen in mir hinterlassen. Eine dem Existenzialismus verpflichtete Szene in dem Buch spielt sich ab, als die Hauptperson nachts in einem Pariser Park sitzt, eine Baumwurzel anstarrt und seine (schwer verständlichen) Gedanken dazu festhält. Sartre zu verstehen fällt übrigens angeblich auch Philosophen schwer. Eine verbindliche Ethik gibt es aus meiner Sicht sehr wohl. Auch ein Leben nach dem Tod gibt es, nicht so wie die Religionen es versprechen, sondern man lebt nach dem Tod in der Erinnerung anderer Menschen weiter. Weshalb ich "Moral" als das wichtigste Leitmotiv des Menschen verstehe. Da ist es wieder, das Hochkomma. Wahrscheinlich ist "Ethik" das bessere Wort. Denn so viele und leider vor allem junge Menschen sind der Meinung, dass Moral längst durch Geld ersetzt wurde. Und das stimmt nicht, keineswegs. Es ist allerhöchste Zeit, den Religionsunterricht in den Schulen durch (verpflichtenden) Ethikunterricht zu ersetzen!

Die Worte, wie alles andere auch, ändern ihre Bedeutung im Lauf der Zeit. Begriffe wie "Arbeiterklasse" und "Moral" sind Mittel zum Zweck für die Mächtigen geworden, die ihre eigenen paranoiden Zwecke verfolgen, nicht die der Menschen. Sartre hat übrigens auch ein Buch namens Die Wörter geschrieben. Hab ich das schon gelesen?




Comments

Popular posts from this blog

Wandern Notfallmeldung

Meine Software-Entwicklung

Politik