Vergessen
Im Ruhestand denkt man über alles viel mehr nach als in der Berufstätigkeit. Ich habe dann immer das Gefühl, die Verdichtung meiner Gedanken schriftlich festhalten zu müssen. Was selten gelingt, weil ich ja doch gerade immer irgendetwas tue, z.B. Zähne putzen, und wenn ich damit fertig bin, habe ich den festzuhaltenden Gedanken vergessen. Es ist wie beim Fischen in einem Fluß, alles schwimmt vorbei.
Das Vergessen ist eine Erscheinung des Alters. Ein Arzt namens
Alzheimer
hat es in ein Krankheitsbild gefasst.
(Das kann man sich gut merken, indem man es "Altersheimer" nennt:-)
Alzheimer soll ab dem Alter von 65 Jahren auftreten.
Das exakt ist hierzulande das Pensionsantrittsalter.
Und wir haben gedacht, dass wir in der Rente gewinnen, und zwar die Freiheit!
Wir sind nicht mehr im "Hamsterrad" der Berufstätigkeit, wir haben unseren Beitrag zum
Generationenvertrag geleistet!
Das Wort "vergessen" leitet sich laut meinem Herkunftswörterbuch (Friedrich Kluge)
von "erlangen", "erfassen" ab, also von dem, was im Englischen "get" ist,
es bezeichnet durch die Vorsilbe "ver" das Gegenteil davon ("forget"),
bedeutet also eigentlich "verlieren".
Gedächtnisübungen sind empfehlenswert, wenn man nicht verlieren will gegen Geschwindigkeit und Masse.
Ganz besonders schlecht merke ich mir Namen.
Wie hieß der Anführer der nordafghanischen Rebellen,
der von den Taliban einen Tag vor 9/11 (10. September 2001) ermordet wurde?
Denkpause ... Ahmad Massud.
Fremdländische Namen sind besonders schwer zu merken.
Ich habe lange gebraucht, um mir eine
Eselsbrücke
für den Namen zu bauen: ich mache aus "Massud" "Masse",
weil solche Rebellen in Zukunft in Masse auftreten und
letztlich gewinnen werden gegen den historisch falschen Weg zurück in die Autokratie.
Warum ich mir ausgerechnet den Namen "Massud" merken will?
Weil der Name wichtiger ist als "Hitler", "Stalin", "Mao",
die waren alle sehr sehr übel und verdienen es, vergessen zu werden.
(Statt dessen werden sie von den Autokratien in Mausoleen verehrt.)
Man muss sich nicht alles merken. Wichtig ist, die täglichen Tätigkeiten und Pflichten wie Saubermachen, Kochen, Waschen, Einkaufen unter Kontrolle zu halten. (Einen dicken Minuspunkt kriegt, wer beim Einkaufen das Geld zu Hause vergessen hat:-) Dazu ist Bewegung ganz wichtig, immerhin braucht man das ja auch zum Einkaufen. Die Bewegungsfähigkeit zu erhalten bedeutet die Vergesslichkeit zu bekämpfen. Gehen, Laufen, Schwimmen, Fahrrad, das hat nichts mit "Mein Krampf" zu tun.
Als Pensionist hat man keine "Freiheit" gewonnen. (Dieses sehr unbestimmte Wort wird seit Jahrtausenden als Verführung zum Krieg missbraucht.) Vielmehr würde ich es "Selbsbestimmung" nennen, wir haben nicht mehr die Pflicht, den Gedanken und Vorstellungen anderer zu folgen. Wir können dieses ganze Getriebe der modernen Zivilisation Unsinn nennen und unsere Gedanken vollständig der Konstruktion der Zukunft widmen. Falls wir diese Gedanken festhalten können und sie nicht geich wieder wegschwimmen. Tja. Der Kreis schließt sich, könnte man meinen, die Geschichte wiederholt sich, aber das stimmt nicht, denn der vermeintliche Kreis ist zumindest ein Spiralnebel.
Im Zustand des freien Denkens fehlt das Gerüst, in dem man seine Kletterpflanzen ziehen kann. Dieses Gerüst waren die Gedanken und Vorstellungen anderer, das sogenannte "Weltbild", das sich in uns allen in der Jugend formt. Als Rentner sind wir Freidenker, unsere Gedanken verfangen sich, stürzen ab, werden als dumme ausgeleierte Redensarten erkannt (sowohl George Orwell als auch Joseph Conrad waren der Meinung, dass Redensarten IMMER dumm sind). Ist der Mensch also ein von anderen Menschen abhängiges Wesen und kann niemals "frei" sein? Freiheit existiert nur als individuelle Freiheit, und die ist in den Menschenrechten abgebildet.
Aber darüber könnte ich jetzt noch stundenlang sinnieren.
(Immerhin behauptet ja ein
nicht geringer Teil der Menschheit,
dass die Menschenrechte, also auch die Freiheit, Grundlage für imperiale Unterdrückung sind.)
Vergessen wir es.
Bis zum nächsten Blog:-)
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